Unter vier Augen - Karlsruhe

Verweile doch, es ist so schön

Die Ausstellung "Unter vier Augen" in der Kunsthalle Karlsruhe verführt durch das Hören zum Sehen.

Volle acht Stunden? "Ja", sagt die Dame hinterm Tresen, "der Audioguide hat eine Laufzeit von acht Stunden. Gehen Sie deshalb erst einmal durch und wählen aus."

Aber kaum steht man vor dem Bildnis der Marchesa, die Rubens 1606/07 malte, und beginnt Angelika Overath zu erzählen von diesem "wundersam geköpften Geschöpf", schon ist man im Bann dieser besonderen Ausstellung – will nur noch sitzen, schauen und lauschen, was Overath einem ins Ohr flüstert: "Das We­sen lächelt. Fast. Oder lächelt es fast nicht?".

Kirsten Voigt hatte für ihre Ausstellung "Unter vier Augen" in der Kunsthalle Karlsruhe eine geniale Idee: Gezeigt werden 50 Porträts aus 500 Jahren, zu denen je ein Schriftsteller oder Kunstkenner einen Text verfasst hat. Martin Walser und die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller sind dabei, aber auch Kunsthistoriker. Die einen haben Geschichten erfunden, andere Fakten gesammelt. Hans Pleschinski hat einen ­fiktiven Dialog erdacht mit dem von Lucas Cranach d. Ä. porträtierten Reformator Me­lanchthon. Der "frühreife Bücherverschlinger", heißt es da, wirke richtig gepflegt – und nicht wie üblich "die Hände tinten­bekleckst, hastig rasiert wegen lauter Pflichten, Gedanken!".

In den Sälen stehen Stühle, doch sie reichen kaum, denn diese Texte verführen zu verweilen, sich in Muße einzulassen auf einzelne Werke – statt wie ein Flaneur weiterzutreiben. Besonderen Charme entfalten jene Texte, die dem eigenen Blick vertrauen und sich der Fantasie hingeben. Eva Menasse hat sich vom Porträt dreier Schwestern von Anton Graff (um 1773) zu einer Art Roman­­auszug inspirieren lassen. Sie liest aus den Gesichtern Lebensgeschichten und Anekdoten heraus, spekuliert, wie sie sich als Kinder zwickten und die Jüngste nun nicht heiraten mag – "Mascha will den Pfeffersack nicht". Das ist witzig und geistreich – aber macht umso deutlicher, wie fad und akademisch der kunsthistorische Diskurs ist, der angelesenes Wissen weiterreicht. Auch in Karls­ruhe spulen einige Experten kanonisches Wissen ab und langweilen den Hörer mit "natürlichem Inkarnat" oder "Ein Brustbild im Dreiviertelprofil vor einer Raumecke mit seitlichem Fensterausblick".

Eine besondere Herausforderung für die Texter ist die Kunst des 20. Jahrhunderts. Markus Orths hat sich Ernst Ludwig Kirchners "Selbstbildnis" (1920) gewidmet und versucht, einen Sprachduktus für diese den Raum verzerrende Flächenmalerei zu finden. Er lässt den Maler wie im Fieber seine Welt beschreiben, in der die Zimmerpflanze ihm entgegenwachse und die Hexe das Ofenrohr aus der Wand gerissen habe. Juli Zeh schlägt dagegen den nüchternen Ton neusachlicher Literatur an, um die Geschichte der "Schwangeren" von Otto Dix aufzurollen, deren Ärztin "die kleine Quappe am liebsten gleich weggemacht" hätte. Hier fließen Kunst und Literatur kongenial zusammen – und funktioniert Voigts Konzept auf ideale Weise: Denn so nah, wie durch diese Texte im Ohr, kommt man der Kunst selten.

Unter vier Augen. Porträts sehen, lesen, hören

Karlsruhe, Staatliche Kunsthalle, bis 20.10.

Gegen Vorlage ihrer artcard erhalten unsere Abonnenten ermäßigten Eintritt. Der Katalog aus dem Kerber Verlag kostet 29,90 Euro, im Buchhandel 35,99 Euro

http://www.kunsthalle-karlsruhe.de/de/ausstellungen/unter-vier-augen.html

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