Moskau-Biennale - Kritik

ES MENSCHELT AM KREML

Die fünfte Biennale Moskau setzt auf Humanismus und Poesie.
"Brav verträumt statt kritisch":Warum die Moskau-Biennale enttäuscht

Eine der wenigen Arbeiten mit kritischem Gestus, Wangechi Mutus Herrscherthrone: "Blackthrone", 2012

Die diesjährige fünfte Biennale der russischen Hauptstadt findet in unmittelbarer Nähe zum Kreml statt, doch dürfte Präsident Wladimir Putin ihr kaum einen Besuch abstatten.

Manege heißt die wunderbar restaurierte historische Dressurhalle der zaristischen Kavallerie an der Kreml-Mauer, an der 10 000 Quadratmeter Fläche auf zwei Etagen bespielt werden können, und die vom Herrscher des Kreml schon mal trotz laufender Ausstellungen kurzfristig für offizielle Empfänge beschlagnahmt wird – was bei der noch bis zum 20. Oktober laufenden Biennale unwahrscheinlich ist, denn die von Catherine de Zegher kuratierte Schau ist eher brav verträumt als herrschaftskritisch. Vom autoritären politischen Herrscher gleich nebenan kaum eine Spur.

Stattdessen thront ein provisorisches Versammlungszelt über der Ausstellung – die angeblichen Botschaftsräume der australischen Aborigines, an deren Eingang ein Schild daran erinnert, dass hier der weiße Mann auf gestohlenem Land wohne. Ob für eine solche Botschaft Moskau der richtige Ort ist? Immer wieder kommen in großflächigen Installationen aus Indonesien, Nord-Kanada oder Kasachstan Minderheiten zu Wort, doch meist in einer Kunst ästhetischer Korrektheit, in welcher das Engagement sich politisch aufmüpferisch, formal aber brav gibt. Ergebnis: viel poetische Nachdenklichkeit bis zur Sättigung, aber wenig künstlerischer Zündstoff. Und das in einer Stadt der Revolutionen, kulturell wie politisch, in welcher der Dialog von Utopie und Realität im Alltag präsent bleibt, was in einer Sonderausstellung der Biennale die Gegenüberstellung von El Lissitzky und den Kabakovs eindrücklich demonstriert.

Kuratorin Catherine de Zegher aus Belgien, viel in New York tätig und 2006 verantwortlich für die Sydney-Biennale, will laut Vorwort mit ihrer Biennale eine neue Energie definieren, die unseren Begriff von Zeit und Raum korrigierend erweitern soll. Ausweitung der Kunstzone bei gleichzeitiger Entschleunigung. Doch letztendlich sind es weniger die rund 70 teilnehmenden, oft noch kaum bekannten Teilnehmer, sondern just eine historische Arbeit aus ihrem Heimatland, die diese Forderung erfüllt und gleichzeitig ästhetisch herausragt: Panamarenkos handgemachter Zeppelin "The Aeromodeller" aus dem Jahre 1969 beherrscht eine Ausstellung, in der vieles ins gutgemeinte Déjà-vu abdriftet. So klaut der russische Maler Alexander Sigutin mit seinen suprematistischen Zitaten und mit seinem Humor beim New Yorker David Diao, die angebliche Globalisierungskritik eines Videos von Abisaid Abdelbekov aus Aserbaidschan hat seine Landsmännin Amagul Menlibayeva schon origineller verfilmt, und die gigantische Installation "Waste Note" des Chinesen Song Dong mit allem, was seine alte Mutter an Besitz anhäufte, hat man stärker und weniger dekorativ schon vor zwanzig Jahren beim Franzosen Christian Boltanski gesehen.

Am besten funktioniert die Biennale, wenn sie auf großzügig inszenierte Materialschlachten setzt, etwa in der langen Karawane von Schlitten und Skiern der in Australien lebenden Filippinos Alfredo und Isabel Aquilizan. Oder den Glasvitrinen von "The Work of the Ocean" mit absichtlich an ursprüngliche Volkskunst-Originale erinnernden, verstümmelten Kunstharzfiguren des Argentiniers Adrián Villar Rojas. Aber der Versuch, junge, auf dem Markt noch nicht etablierte Künstler, großenteils aus fernen Ländern, mit bekannten Namen zu koppeln, geht für erstere nicht gut aus: Ein relativ simples Video der Finnin Eija-Liisa Ahtila, sechs Standbilder von Teilen einer sich im Wind wiegenden Fichte, haben einfach mehr visuelle Anziehungskraft als poetische Inszenierungen exotischer Rituale. Der indische Documenta-Teilnehmer Anwar Kanwar beschwört in seinem lakonischen Liebesdrama in fünf kurzen Akten, gedreht auf den Müllhalden Delhis, mehr Zivilisationsmelancholie als die aufwendige Videoinstallation des Amerikaners Alan Michelson "Round Dance" über den Protest nordamerikanischer Indianer. David Claerbout führt in seinem neuesten Film "Travel" unsere imaginären Erwartungsräume von Natur und Märchenwelt in die Irre. Und die wunderbaren kleinen Textilbilder der Rumänin Geta Brastecu von 1978 sind entschieden spannender als Gao Rongs Ready-Mades aus gefälschten Handtaschen "Guangzhou Station".

Die in New York und Berlin lebende Malerin Juli Mehretu, Jahrgang 1970, documenta-Teilnehmerin und durch Einzelausstellungen in vielen Museen bekannt, beweist mit ihren drei Städteporträts aus der "Beloved"-Serie, Schichten von Stadtkatastern, Achitekturplänen, abstrakten Zeichen und modernistischen Farbmotiven, malerisch am eindrücklichsten die von der Kuratorin versprochene, den inneren Raum erweiternde Energie. Ihr postmodernes Pendant ist der New Yorker Adam Cvijanovic, Jahrgang 1960, dessen drei großflächige, mit Kitsch und Surrealismus spielenden Landschaften die Besucher begrüßen.

Ob die diesjährige Biennale mit nur einem Monat Laufzeit die angepeilten 100 000 Besucher erreicht, erscheint angesichts so viel zurückhaltender Poesie fraglich. Kreml-Nachbar Putin dürfte zur Besucherstatistik jedenfalls kaum beitragen. Obwohl ihm zumindest eine Arbeit garantiert missfallen dürfte: die fünf pechschwarzen Herrscherthrone der Kenianerin Wangechi Mutu, langbeinige, postkoloniale Hochsitze aus bemaltem Stühlen, Müllsäcken, Stromkabeln und Fahnen aus Menschenhaar, die merkwürdig zerbrechlich wirken. Auf ihnen darf sich kein Herrscher sicher fühlen.

5. Moskau Biennale

bis 20.10.
http://5th.moscowbiennale.ru/en/

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