John Bock - Bonn

Höherer Quatsch

Wer John Bock für einen Clown hält, unterschätzt ihn gewaltig. Er ist ein Weltverbesserer! Seine Performances dienen der "Kunstwohlfahrt" – auch wenn er manchmal auf brutale Abwege gerät.

Der herrlich abgedrehte Zauberer aus einem von ihm selbst erschaffenen Fabelland der Kunst hat mehr als nur zwei Gesichter.

Immer aufs Neue verblüfft, begegnet man John Bock als ein leibhaftig zwischen den Medien Skulptur, Performance, Objektkunst, Mode und Film grotesk wandelndes Gesamtkörperkunstwerk. Und selbst im echten Leben gibt er eine in doppelbödige Charaktere aufgesplittete Persönlichkeit. Nicht von ungefähr geistert der Begriff des "Quasi-Ich" seit geraumer Zeit durch sein wortschöpferisches Werk.

John Bock ist Dadaist und Moralist, Kind und Demiurg, Chaot und Strukturalist, Clown und Schwadroneur, Philanthrop und Anarchist in Personalunion. Davon zeugt allein schon seine enorme Spannbreite an Stimmlagen. Es kann sein, dass er mit näselnd hoher Stimme den etwas durchgeknallten Peter Pan mimt und seinen Widerstand gegen den Konformismus in der Kunst laut appellierend zu Wortketten formt. Was sich dann in etwa so anhört: "Gegen die Glocke hauen, gegen die Schädeldecke aufbrechen, um sich schlagen unkalkuliert und sprühen vor Zorn!" Genauso gut kann es sein, dass er sein Gegenüber ins Visier nimmt und in tiefernstem Tonfall über die zwei Gossenschen Gesetze doziert, dabei die volkswirtschaftlichen Regeln vom Nutzen der Individualbefriedigung anhand von Diagrammen illustriert. Das ist keineswegs purer Nonsens. John Bock weiß in puncto Ökonomien ziemlich genau, wovon er spricht. Schließlich hat der heute 47-jährige Künstler vor dem Studium an der Hochschule für Bildende Künste (HfBK) in Hamburg sechs Semester Betriebswirtschaft absolviert.

Wir trafen den multidisziplinären Künstler zur genaueren Erkundung seiner chamäleonhaften Erscheinung gleich mehrmals in seinem Atelier im Berliner Wedding. Und ja, es macht einen Unterschied, ob man John Bock geschäftsmäßig hinter seinem altmodischen Schreibtisch sitzen und parlieren sieht oder ihn Wochen später auf dem Hof der Uferhallen erlebt, wie er mit einem windschief gebastelten, dreidimensionalen Diagramm auf dem Kopf das wilde, in einem Bus eingesperrte Tier markiert, dabei unaufhörlich mit seinen Händen verzweifelt-ironisch an die Glasscheibe des Fahrzeugs patscht.

Unsere erste überraschende Konfrontation mit dem Künstler erfolgte im Übrigen schon auf der Eröffnung der 1. Berlin-Biennale im Jahr 1998. Da hatte sich der gebürtige Gribbohmer, aufgewachsen auf einem Bauernhof in Schlewig-Holstein, in einer mit Heu gefüllten Plattform eingenistet, wo er insgesamt fünf Stunden herumkrabbelte. Mit etwas Glück konnte man das Wesen Bock durch Gucklöcher hindurch an seinen strubbelig hochstehenden Haaren und den erschrocken aufgerissenen Augen erkennen, ansonsten raschelte es nur mächtig im Gehäuse der Installation "Heu in der Kaderwelle". Später erst erfuhren wir von seinen offenbar phänomenalen Koffervorträgen, die er bereits an der HfBK in Hamburg abgehalten hatte. Bock erzählt: "Diese Vorträge habe ich schon in der Studienzeit nach komprimierten Gesprächen mit dem Professor Stanley Brouwn entwickelt. Sie kommen quasi aus der Not heraus, als Student konnte man nicht wirklich ausstellen, und so habe ich drei, vier Koffer gepackt, um damit auch an anderen Hochschulen eine Lecture zu halten." Später lösten sich die mathematischen Diagramme in Objekte auf, "in Problemfelder, die durch Handlung bewältigt werden müssen".

Das komplette Porträt von John Bock lesen Sie in der aktuellen Oktober-Ausgabe von art, erhältlich am Kiosk oder in unserem ShopShop

"Im Modder der Summenmutation"

Bundeskunsthalle Bonn,
3. Oktober bis 12. Januar 2014
Eine Text-Anthologie mit Skizzen erscheint im Verlag Walther König
http://www.bundeskunsthalle.de/ausstellungen/john-bock.html