Brasiliana - Frankfurt

Mehr Brasilien wagen

Die Schirn-Kunsthalle zeigt zum Ehrengastauftritt von Brasilien auf der Frankfurter Buchmesse eine Ausstellung zur künstlerischen Installation in Brasilien.

Es kratzt und quietscht. Dann hört man ein Schaben, schließlich schwer definierbare Knautschgeräusche.

Vor dem Kasten, aus dem die Geräusche kommen, steht ein Paar Slipper. Kurz denkt man, das acht Meter lange Gebilde habe den Schuhbesitzer verschluckt. Dann kommt der Wärter mit einem Zettel. In Lygia Clarks Werk "Das Haus ist der Körper" durchlebe der Besucher "Penetration, Eisprung, Keimung, Ausstoßung", heißt es da. Bevor man noch nachdenken kann, ob man das will, wird man aufgefordert, die Schuhe auszuziehen und hineinzuschlüpfen. Steht zunächst in einem stockdusteren Raum mit weichem Boden, stößt dann durch Gummibänder in eine Kammer voller Luftballons, um von dort in ein tropfenförmiges Zelt zu kriechen, einen Raum voller Fäden und einen mit bunten Bällchen zu durchqueren. Hinterher denkt man: naja. Dass man soeben einen weiblichen Körper durchdrungen haben soll, kann man sich nicht mal im übertragenen Sinne vorstellen. Das Ganze wirkt weniger sinnlich als vielmehr extrem abstrahiert, schließlich war nicht Warmes oder gar Glitschiges dabei.

Andererseits: Lygia Clark hat diesen Raum bereits 1968 konzipiert, als so etwas noch neu und anstößig war. Heute ist man von der Kunst längst allerlei Partizipationsaufforderung und Grenzübertretung gewöhnt. Erfunden wurde die den ganzen Körper und sämtliche Sinne fordernde Kunst jedoch vorwiegend in Brasilien, von Künstlern wie Clark und vor allem: Hélio Oiticica.
Bereits in den Fünfzigern prägte der Maler als Mitglied der Künstlervereinigung Grupo Frente die brasilianische Neo-Konkretismus-Bewegung, die sich die Durchdringung von Raum und Kunstwerk zum Ziel gesetzt hat. In den frühen sechziger Jahren entwickelte Oiticica schließlich konkrete Ideen, um Farben und Formen aus ihrer Begrenzung zu lösen und das Erleben von Kunst zu intensivieren. Der Künstler, dessen zentrale Idee es war, Strukturen zu sprengen und die Kunst für die Gesellschaft zu öffnen, schuf frei im Raum schwebende Reliefs aus komplexen Formen, begehbare Labyrinthe und Installationen, in die man mit dem gesamten Körper eintauchen kann. In der Schirn-Kunsthalle, die anlässlich des Ehrengastauftritts von Brasilien auf der Frankfurter Buchmesse eine Ausstellung zur künstlerischen Installation in Brasilien zeigt, kann man sich etwa in eine Hängematte fläzen und Jimi Hendrix hören. Wer im Werk "Cosmocoa CC5 Hendrix War" von 1973 liegt, das in Zusammenarbeit mit dem Experimentalfilmer Neville D’Almeida entstand, sieht sich von Dias umgeben, die ein Plattencover mit Kokain-Utensilien zeigen. Wer tiefer einsteigen will, in die Welt Oiticias, muss allerdings ins Frankfurter Museum für Moderne Kunst gehen, wo dem jung verstorbenen Künstler eine große Retrospektive gewidmet ist.

Die Ausstellung in der Schirn jedoch beschränkt sich auf acht Werke unterschiedlicher Künstler. Jedes groß, manche eindringlich – und doch hat man das Gefühl, es sei zu wenig. Als sei das Thema nur angerissen. Gerne hätte man auch bei den anderen Künstlern die Möglichkeit, mehr zu sehen, etwa von Dias & Riedweg, deren 2008 entstandene Video-Installation "Universo do Baile" auf magische Weise rätselhaft bleibt. Man betritt eine große mit 550 gelben und grünen Badezimmerwaagen bedeckte (Tanz-?)Fläche, schaut abwechselnd auf einen als Frau verkleideten Mann, der mit stammelnden Worten aus der brasilianischen Verfassung vorliest, und eine Party, die in ein brutales Gerangel ausufert und weiß nicht so recht – was in der Kunst manchmal von Vorteil sein kann.
Enttäuschend hingegen ist eine Rauminstallation des grandiosen, 1948 geborenen Konzeptkünstlers Cildo Meireles, der darauf spezialisiert ist, mit seinen Werken seltsame, auch beängstigende Gefühlslagen zu erzeugen. Bereits 1970, während der Militärdiktatur in Brasilien, bedruckte der Künstler Coca-Cola-Flaschen und Banknoten mit Protest-Parolen, um auf diese Weise politische Botschaften in den Warenkreislauf einzuschleusen. Später schuf er kraftvolle und suggestive Rauminstallationen, bei denen der Besucher über krachende Glasplatten läuft oder einsam in einem großen dunklen Raum voller Talkumpuder steht. In der Schirn sind nun unter dem Titel "Rio oir" zwei Räume ausgestellt – einer pechschwarz bis auf ein Fenster, das eine sich drehende bunte Schallplatte zeigt. Der andere, mit Spiegelfolie ausgekleidet, zeigt den Plattenspieler von der andere Seite. Während im dunklen Raum unterschiedliche Wassergeräusche zu hören sind, hört man im hellen mehrstimmiges Lachen. Lacht es uns aus? Und wenn schon, die Wirkung ist mager.

Beeindruckender wirkt da eine Höhle, die Henrique Olivera (Jahrgang 1973) aus gebrauchten Sperrholzstücken gebaut hat. Wer das organische Gebilde, in dem gigantische Knubbel zu wachsen scheinen, betritt, hat fast den Eindruck sich in einem riesigen Organ zu befinden. Es scheint, als würde der Bau und sein Innenleben permanent weiter wuchern, sich ausdehnen und den, der es betritt, irgendwann verschlingen. Oliveras Gebilde spielt auf die Bauten brasilianischer Favelas an, die sich ständig im Werden zu befinden scheinen und nie wirklich fertig sind. Es knarrt bei jedem Schritt und riecht intensiv nach Holz. Man steht mittendrin, alle Sinne sind angesprochen – perfekter kann man Oiticicas 50 Jahre alte Forderungen an ein Kunstwerk kaum umsetzen.

Brasiliana. Installationen von 1960 bis heute

Schirn Kunsthalle Frankfurt, bis 5. Januar

noch bis 27. Oktober läuft auch die Ausstellung "STREET-ART BRAZIL" in der Schirn

http://schirn.de/BRASILIANA._INSTALLATIONEN_VON_1996_BIS_HEUTE_2.html