Michael Kunze - Berlin

Der Mann, der aus dem Dunkel kam

Vor allem düster erscheinen einem Michael Kunzes Werke in der Ausstellung "BubeDameKönigAss", die seine Werke zusammen mit den Arbeiten von Thomas Scheibitz, Ansel Reyle und Martin Eder präsentiert.

Erst unlängst verriet uns ein Insider: "Inglourious Basterds" hätte die Ausstellung mit den vier Berliner Malerstrategen Thomas Scheibitz, Anselm Reyle, Martin Eder und Michael Kunze in der Neuen Nationalgalerie ursprünglich heißen sollen.

Eigentlich gar keine so schlechte Idee, Quentin Tarantinos filmisches Himmelfahrtskommando zur Ausrottung des Nazi-Alptraums als titelgebenden Paten für eine eher krude Schau der Malerei zu nehmen. Dann aber hat man offenbar kalte Füße bekommen und entschied sich für den harmloseren Kartenspiel-Titel "BubeDameKönigAss". Ein großer kuratorischer Wurf ist die von Udo Kittelmann und Melanie Roumiguière verantwortete Ausstellung ohnehin nicht. Zu erratisch stehen vier sehr verschiedene Positionen der Malerei nebeneinander – ohne das geringste wechselseitige Mitteilungsbedürfnis.

Fragen über Fragen werfen sich dafür bei uns auf. Vor allem aber die eine: Wer ist nur dieser Michael Kunze, der plötzlich im Verein mit international angesagten Malern auf vorderster Front des Ausstellungsreigens "Painting forever" zu Ehren kommt? Größere Museumspräsentationen hatte der 1961 geborene Münchner in der Vergangenheit keine, sieht man einmal von der ebenfalls überraschenden diesjährigen Ausstellung in der Kunsthalle Düsseldorf ab. Ganz unbekannt ist er andererseits den Berlinern Kennern der Galerienszene auch nicht, immerhin hatte er bei Contemporary Fine Arts am Kupfergraben zwei Soloschauen. Und in München mag man sich noch dunkel an Kunzes gelegentliche Auftritte in seinen jungen Jahren Ende der Achtziger erinnern. Zwischenzeitlich war es ziemlich ruhig um ihn geworden. Man hörte nur, dass er zurückgezogen in einem Berliner Atelier weiter an seinen surrealen Landschaften komponierte und tüftelte. Und nun dieses Rampenlicht im Mies van der Rohes Glaspavillon! Eine verspätete Entdeckung also?

"Düster" ist wohl das erste Adjektiv, das man mit dem in den Ruinen der Spätromantik und Pittura Metafisica herumstöbernden Maler in Verbindung bringt. Kunzes architektonische Szenerien wirken wie vom Aschestaub mehrerer, womöglich auch atomarer Kriege befallen: Aus den verwittert beigefarbenen Kuben seiner modernistischen Villen sieht man kaum neues Leben keimen, während sich in verfallenen mittelalterlichen Trutzburgen und antiken Relikten zumindest noch so etwas wie nostalgische Geister in pseudovirtuos zerstäubter Gestalt herumtreiben zu scheinen. Hier und da steigen Rauch- und Nebelschwaden auf, irgendwo lodern unheilschwanger Brandherde, meist ist Kunzes notorisch grauer Untergangshimmel verhangen von Gewitterwolken. Dass der Maler aus eine Familie von Archäologen stammt, ist den gehäuften Architektur-Einsprengseln aus altertümlichen Relikten anzumerken. All die Balustraden und Zinnen, Arkaden und Tore, Rampen und Kassettenfußböden führen ungeachtet ihrer multiperspektivischen Konstruiertheit am Ende ins diffuse Nirgendwo. Mit dem morbiden Grundtenor seiner Malerei geht Kunzes umfassender Nihilismus einher: "Die große Simulationsmaschine, in der wir leben, macht alles, was uns naheliegend und klar erscheint, komplett unverständlich", befindet er.

Der Gegenwart wie der Zukunft mit pessimistischer Skepsis begegnend, gibt Kunze den verwandlungsbereiten Wiedergänger von Symbolisten wie etwa James Ensor. Und bleibt dennoch auch hier, mit seinen nebulös im Irrealen verhafteten Projektionen, ein vollkommener Schattenmann. Vieles in Kunzes manieristischem Kosmos wirkt gesucht verschwiemelt. Wenn er Staffagefiguren einführt, dann sehen sie oft aus wie durch einen Fleischwolf gedreht, Francis Bacon oder Odilon Redon stehen sichtlich Pate bei den vermalten Fratzen und vieläugigen Visagen. Das Bildpersonal ist seltsam hybrid, weder mit möglichen Erzählungen behaftet noch als rein poetische Imagination oder typologische Stellvertreter tauglich. In den jüngeren Bildern tauchen plötzlich roséfarbene Chimären wie aus den fünfziger Jahren auf, als sei in der Nachkriegsatmosphärik der heutigen Großelterngeneration für ihn zumindest ein gewisses Sehnsuchtspotential verborgen. Will man dem Kunsthistoriker Gregor Jansen folgen, so zitiert Kunze "gründlich und anschaulich die gesellschaftliche Dekonstruktion seit dem überhöhten Idealbild der Antike". Anders ausgedrückt: Kunze betreibt mehr oder minder verhohlen reinsten Eklektizismus, versteckt sich am liebsten wie auf einem nekroromantischen Kostümball hinter der Maskerade verschiedenster Epochen, möglichst finsterer Gedankensysteme und Meister. Nicht von ungefähr werden Ahnherren wie Arnold Böcklin oder Giorgio de Chirico sogar namentlich innerhalb der Gemälde angeführt. Keine Frage, Kunze empfiehlt sich selbst der Kunstgeschichte als legitimer Nachfolger in einer männlichen Dynastie von zivilisationskritischen Malerheroen.

Nicole Hackert, Leiterin der Galerie Contemporary Fine Arts, erzählt, dass sie Kunzes Qualitäten erst auf den zweiten Blick entdeckt habe. Sie fühle sich aber heute vor allem davon angesprochen, wie dessen antikisierenden Szenerien "an den Ängsten in unserem kollektiven Unterbewusstsein rühren". Privatsammler wie Ingvild Goetz und Wilhelm Schürmann hätten schon früher seine Substanz als Maler erkannt, sagt Hackert, mittlerweile würden aber auch asiatische und amerikanische Sammler anbeißen. Obskuritäten deutscher Machart ziehen offenbar immer am Kunstmarkt. Michael Kunze hat sich auch verbal einen subjektiven Antimodernismus auf die Fahnen geschrieben: "Es ist eine Art von antimoderner Modernität, eine dunkle, aber reiche und große Wolke, die von Nietzsches Studien über die Tragödie bis hin zu zu Lars von Triers "Antichrist" reicht", erläuterte er einmal. Die ganze mit Theaterpomp vorgetragene Endzeitstimmung seiner Malerei mag einen gerade in trüben Herbsttagen zum Sinnieren bringen. Nur, welchen Beitrag zur Gegenwartskunst hätte Kunze damit geleistet? Nichts gegen wirklichen Eskapismus, aber das oft auch handwerklich nur passabel ausgeführte Lamento über den Niedergang der westlichen Kultur im Zuge der Moderne nervt spätestens bei dem dritten Gemälde. Wäre es gezieltes Bad Painting – geschenkt! Aber laue, lasierende, noch dazu ernst gemeinte Aufgüsse von Böcklins Toteninseln und Piranesis Veduten am Anfang des 21. Jahrhunderts? Eigentlich darf man Martin Eder ganz dankbar sein, dass er hierzu in der Maler-Schau der Neuen Nationalgalerie mit Witz und Kitsch einen ziemlich unmissverständlichen Pop-Kontrapunkt setzt.

"BubeDameKönigAss": Martin Eder, Michael Kunze, Anselm Reyle, Thomas Scheibitz

Neue Nationalgalerie, Berlin, bis zum 24. November 2013
http://www.smb.museum/smb/kalender/details.php?objID=40155