Philip Guston - Frankfurt

Comic eines Verräters

Als Philip Guston dem abstrakten Expressionismus den Rücken kehrte und erst zwei Jahre später mit derben, comicartigen Figuren wieder auftauchte, hielten ihn viele für einen Verräter an der Kunst. Die Schirn zeigt nun 40 Werke aus Gustons ungewohnt gegenständlichen Spätwerk.

Als in den sechziger Jahren der Vietnamkrieg wütete, sei ihm sein Leben auf einmal schizophren vorgekommen, erzählte Philip Guston Jahre später.

"Was für eine Art Mann bin ich, wenn ich zuhause sitze, Zeitschriften lese, eine frustrierte Wut gegenüber allem empfinde – und dann in mein Atelier gehe und ein Rot mit einem Blau abstimme?" Guston entschied sich für einen radikalen Schnitt in seiner Malerei. "Ich habe diese ganze Farbreinheit satt. Ich will Geschichten erzählen", schrieb der US-amerikanische Maler einem befreundeten Schriftsteller. Bis dahin galt Guston (1913 bis 1980) als einer der bedeutendsten Vertreter des Abstrakten Expressionismus, doch Mitte der Sechziger befand er sich in einer handfesten Krise. Zwei Jahre lang kehrte er der Malerei den Rücken – um schließlich mit drastischen Figuren den Kunstmarkt zu schockieren. Die neue Gegenständlichkeit galt der Szene damals als Verrat.

Zu seinem 100. Geburtstag zeigt die Schirn jetzt 40 Bilder aus dem Spätwerk Gustons, das erst kurz vor seinem Tod von der Kunstwelt geschätzt wurde: Es sind seltsame, scheinbar derb ausgeführte Bilder, deren packende Direktheit massiv irritiert. Kraftvoll gemalte Szenerien, in denen tumbe, ungeschlacht wirkende Figuren auftauchen und Füße oder Hände ein seltsames, kaum zu entschlüsselndes Eigenleben führen. Die Bildsprache ist zuweilen comicartig, die Inhalte erinnern an die Absurditäten des Surrealismus, wenngleich nicht jeder Gegenstand eindeutig identifizierbar ist. Immer wieder sind seltsam deformierte Köpfe mit einem einzigen riesigen Auge zu sehen oder Haufen aus haarigen Beinen in Schuhen, deren genagelte Sohlen nach vorne zeigen. Auch skurrile, an den Ku-Klux-Klan erinnernde Kapuzenwesen tauchen auf, nach eigener Aussage handelt es sich um Selbstporträts. Es ist jedoch vor allem die fleischig anmutende Farbigkeit der Bilder – häufig dominiert ein weiß abgetöntes Cadmiumrot – die auf unterschwellige Art aber umso nachhaltiger verstört, selbst wenn die Motive ganz harmlos erscheinen.

"Philip Guston – das große Spätwerk"

Termin: 6. November 2013 - 2. Februar 2014, Schirn Kunsthalle, Frankfurt



http://www.schirn.de/GUSTON.html