Kunstherbst - Paris

Die Kunst als Theater der Welt

Mit aufregenden Ausstellungen der Mega-Sammler David Walsh und François Pinault sowie spektakulären Einzelschauen der Franzosen Philippe Parreno und Pierre Huyghe zeigen Museen wie Centre Pompidou, Maison Rouge oder Palais de Tokyo, wie Künstler und Sammler heute in theatralischen, oft hochkomplexen Inszenierungen unsere heutige Welt einzufangen verstehen.

Nie zuvor stand ein Pariser Kunstherbst so konsequent im Zeichen radikaler Gegenwartskunst. Die auf den ersten Blick noch am konventionellsten wirkende Ausstellung läuft im Privatmuseum Maison Rouge.

Dort präsentiert Gastgeber Antoine de Galbert eine der derzeit originellsten Sammlungen der Welt, die des exzentrischen Mathematikers David Walsh, der dank Glücksspiel und Pferdewetten mit System zum Multimillionär wurde und 2011 im tasmanischen Hobart sein eigenes Museum, das Mona, eröffnete. Walsh konzentriert sich auf eine Kunst der menschlichen Vanitas; Tod, Sexualität, Vergänglichkeit stehen im Zentrum seines Sammelns, das von ägyptischen Mumien und Toten-Porträts der Fayoum über Installationen aus rohem Fleisch von Jannis Kounellis bis zur Fäkalmaschine des Belgiers Wim Delvoye reicht. Schlagzeilen machte Walsh, als er 2010 mit Christian Boltanski einen Vertrag über eine permanente Videoübertragung aus Boltanskis Pariser Atelier nach Tasmanien abschloss, dessen Honorar ratenweise bis zum Tod des Künstlers abgestottert wird – je früher der Künstler stirbt, desto billiger das Schnäppchen für den Sammler.

Die Pariser Präsentation, die erste der Walsh-Sammlung außerhalb Tasmaniens, besorgte der französische Kurator und ehemalige Direktor von Kunsthalle Bern, Centre Pompidou und Museum Kunstpalast Düssseldorf, Jean-Hubert Martin. Wie in seiner bahnbrechenden Ausstellung "Les Magiciens de la Terre" von 1989 konfrontiert Martin auch jetzt wieder Werke radikaler Gegenwartskunst von Jannis Kounellis, Marina Abramovic, Günter Brus oder Berline de Bruyckere mit schamanischem Kunsthandwerk aus Afrika, Asien oder Polynesien. Malerei von Jean-Michel Basquiat, Susan Rothenberg oder den Chapman-Brüder trifft auf Textilkunst der Fidschi-Inseln oder Papua Neuguineas, filmische Schlüsselwerke der Westkunst wie der Film "Un Chien andalou" von Dali/Bunuel oder Performances von Hermann Nitsch auf naturwissenschaftliche Modelle. Das Ganze wird zu einer visuellen Wunderkammer in 17 metaphysischen Kapiteln, von Genese und Epiphanie bis zum Jenseits.

Um die Conditio Humana menschlicher Existenz geht es auch in der Ausstellung "A Triple Tour", der ersten Präsentation von Kunstwerken aus der Sammlung von François Pinault in Paris überhaupt. Der französische Milliardär Pinault, den viele für den zur Zeit mächtigsten Sammler der Welt halten, bespielt bekanntlich aus Zorn über die schleppende Bürokratie seiner Heimat zwei große Häuser in Venedig, den Palazzo Grassi und die Dogana, zeigt aber in Frankreich seine Bestände nur tröpfchenweise. Für seinen ersten Auftritt in Paris hat er sich einen besonders extravaganten Ort ausgesucht, das ehemalige Revolutionsgefängnis der Conciergerie unweit von Notre-Dame, wo einst Marie-Antoinette ihre Hinrichtung erwartete. Die Ausstellung ist relativ klein und beschränkt sich auf nur 50 Arbeiten, die aber alle hervorragend sind und sich um ein einziges Thema drehen: der Isolation durch Eingeschlossen-Sein.

Der Titel spielt auf das dreifache Drehen eines Schlüssels an, der ein Schloss absperrt. Begrüßt wird der Besucher gleich am Ticketschalter von einem imposanten Spiegel-Gefängnis des Italieners Michelangelo Pistoletto. Weiter geht es mit der deprimierenden Sechs-Kanal-Arbeit Tschernobyl der Kalifornierin Diana Thater, die das Leben zwischen Ruinen aus dem weiteren Umfeld des sowjetischen Atomreaktors zeigt. Dann folgt eine der besseren Arbeiten des oft zu sehr in die Technik verliebten Video-Pioniers Bill Viola: Hall of Whispers von 1995 zeigt in Schwarzweiß-Projektionen zehn Individuen, die hilflos und unverständlich vor sich hin murmeln, weil sie geknebelt sind.

Isolation des Individuums

Am geschichtsträchtigen Ort wird der emotionale Schock der meisten Arbeiten noch verstärkt, etwa einer Bunker–Skulptur der Libanesin Mona Hatoum oder den fotografischen Serien aus der kommunistischen Sowjetunion von Boris Mikhailow. Die zweite Hälfte der Ausstellung behandelt die innere Isolation des Individuums durch Behinderung – etwa die Videoarbeit "La Passion de Jeanne d’Arc" von Javier Tellez – oder Krankheit, mit einem Medizinschrank "The Fragile Truth" von Damian Hirst. Besonders gespenstisch: das makabre Rollstuhl-Ballett der bärtigen Greise in "Old Persons Home" der beiden Chinesen Sun Yuan und Peng Yu, das durch den Kontrast zu den zahlreichen Besuchern mit Kinderwagen, die eher wegen der Conciergerie als der Kunst kommen, noch komischer wirkt.

Auch die Einzelschau von Philippe Parreno steht im Zeichen eines Ballets: der Klavierfassung von Stravinskys Petruschka. Immer rhythmisch gegliedert von computerprogrammierten Flügeln, die Stravinskys Musik klimpern, konzipierte Parreno für "Anywhere, Anywhere Out of the World" einen Rundgang durch die riesigen Räume des Palais de Tokyo, der zum ersten Mal von einem einzigen Künstler bespielt wird. Wie sein bekannterer Kollege Pierre Huyghe (ART 10/2013), der zeitgleich im Centre Pompidou ausstellt, bemüht Parreno neben Musik, Film und Theatralik hochkomplizierte Technik, um rätselhafte minimalistische Geschichten zu erzählen: künstlicher Schnee für Gletscherlandschaften mitten im Museum, aufwendige Mehrkanalvideos, Computeranimation, Roboter. Doch wo Huyghe Naturwissenschaft und Tierwelt einbezieht, verlässt sich Parreno ganz auf die Architektur: Er beklebt die großen Fenster des Palais de Tokyo mit die Perspektiven verändernder Folie und füllt die rieisigen Räume des labyrinthischen Untergeschosses vor allem mit seinen Lichtskulpturen blinkender Neons.

Der Titel der Schau bezieht sich auf ein von Charles Baudelaire übersetztes Gedicht des Engländers Thomas Hood. Parreno entführt uns in eine künstliche und künstlerische Welt außerhalb der unseren. Wie von Geisterhand öffnet sich in einer großen weißen Wand ein Bücherregal und gibt für einen kurzen Augenblick den Eintritt frei in einen Raum mit Zeichnungen des amerikanischen Komponisten John Cage, die nach und nach im Zufallsprinzip gegen Papierarbeiten seines Choreografen-Freundes Merce Cunningham ausgewechselt werden. In einem anderen Raum imitiert ein speziell entwickelter Schreibroboter die Schrift von Marilyn Monroe. Auf einer LED-Wand gezeigte Filme werden beim Näherkommen unkenntlich. Automatische Glastüren öffnen und schließen sich mitten in einem Raum und lassen – scheinbar – die Strassengeräusche von draußen herein. 16 von Parrenos "Marquee" genannten Lichtskulpturen blinken, ebenfalls im Rhythmus von Stravinskys Petruschka.

Auf 15 Leinwänden wird der französische Fussballstar Zidane während der 90 Minuten eines Matchs seines Vereins Real Madrid beobachtet. Der Film Zidane : A 21st Century Portrait von 2006 war eine Zusammenarbeit mit dem Briten Douglas Gordon, und Parreno sucht solche Zusammenarbeiten mit Künstlerkollegen immer wieder. 1999 erwarb er – zusammen mit Pierre Huyghe – die Rechte an der japanischen Manga-Figur Annlee, die sie immer wieder anderen Künstlern zur Verfügung stellen. Im Falle der Pariser Ausstellung dem Deutschen Tino Sehgal, der als Annlee verkleidete Mädchen in den Palais de Tokyo schickt. Andere Teamarbeiten stammen von Liam Gillick oder Dominique Gonzalez-Foerster.

Auf so dramatische Räume wie Philippe Parreno kann Pierre Huyghe nicht zurückgreifen, weshalb er im Centre Pompidou einfach die Stellwände der letzten hier gezeigten Ausstellung – von Mike Kelley – übernimmt, in ihnen aber, ähnlich wie Parreno, ein ganzes Feuerwerk von Ideen abbrennt. Regen- und Schneemaschinen aus der Trickkiste des Kinos sorgen für Herbststimmung. Ein Film zeigt eine Arktis-Expedition zu den seltenen weißen Pinguinen, dann illustriert eine eisige Schlittschuhbahn plus Projektion der konzertanten Aufführung die die Expedition nacherzählende Musikkomposition. Hier eine hässliche Betonskulptur, die einst in Huyghes Gymnasium stand, dort ein Einsiedlerkrebs, der im Aquarium in einer Brancusi-Skulptur lebt. Und dazwischen die noch aus Kassel vertraute Documenta-Hündin Human mit ihrem rosa Bein – Huyghe wie Parreno denken in theatralischem Bühnen-Hightech weiter, was die Ausstellungen in Conciergerie oder Maison Rouge konventionell beschwören: Gegenwartskunst als Theater der Welt. Zur Zeit so nur in Paris zu sehen.

Pariser Kunstherbst

"Theatre of the World": 19. Oktober 2013 – 12 Januar 2014, La Maison Rouge, Paris.

"A triple tour": 22. Oktober 2013 – 6 Januar 2014, Conciergerie, Paris.

"Anywhere, anywhere out of the world": 23. Oktober 2013 – 12. Januar 2014,
Palais de Tokyo, Paris.

"Pierre Huyghe": 25. September 2013 – 6. Januar 2014, Centre Pompidou, Paris.

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