Taryn Simon - Essen

Sachregister des Verborgenen

Die US-Fotografin hat eine Vorliebe für die dunklen Seiten des Lebens. Für das Folkwang-Museum hat sie eine kleine Werkschau aus Beständen des Berliner Sammlers Thomas Olbricht zusammengestellt.

Ein Mann schaut mit wehem Blick in die Kamera. Er sitzt in einer schummrigen Bar, in der eine Leuchtreklame das "High Life", ein besseres Leben, verspricht, während sich seine einstige Verlobte an ihn drückt und dabei schamvoll ihr Gesicht verbirgt.

Diese eindringliche Fotografie stammt aus Taryn Simons Bildband "The Innocents" (2003), in dem Simon unschuldig Verurteilte an für deren Leben schicksalhaften Orten porträtierte. Und weil oft Fotos bei der fälschlichen Identifizierung der Täter eine maßgebliche Rolle spielten, sind ihre Aufnahmen auch eine Art symbolische Wiedergutmachung. Taryn Simon (Jahrgang 1975) beschäftigte sich schon beim "Innocents"-Projekt mit einem in ihrer Heimat gerne verdrängten Teil der Wirklichkeit, bevor sie mit dem "American Index of the Hidden and Unfamiliar" (2007) berühmt wurde.

Dieses Sachregister des Verborgenen führt von einer Lagerstätte für radioaktiven Müll über das Behandlungszimmer einer auf die Rekonstruktion von Jungfernhäutchen spezialisierten Arztpraxis bis zu den Gefängnisausgangszellen in US-Todestrakten. Auch mit ihren letzten Serien ist Simon ihrem Thema treu geblieben: In "Contraband" (2010) hält sie die Dinge fest, die im Laufe von fünf Tagen von den New Yorker Zollbehörden beschlagnahmt wurden, und in "A Living Man Declared Dead and Other Chapters" (2008/11) rekonstruiert sie mit Bildern und ausführlichen Texten, welche dramatischen, lebensbedrohenden oder auch nur absurden Auswirkungen die familiäre Abstammung auf das Leben jedes Einzelnen haben kann. Für das Essener Museum Folkwang hat Simon jetzt aus den umfangreichen Beständen des deutschen Sammlers Thomas Olbricht eine Auswahl aus ihrem Werk zusammengestellt.

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