Anton Graff - Berlin

Atmende Porträts

Die Alte Nationalgalerie widmet Anton Graffs Porträts deutscher Adliger und Dichter eine sehenswerte Ausstellung.

Bühne frei für ein physiognomisches Kabinett der besonders lebendigen Art: Dass in der Alten Nationalgalerie wegen einer Einzelschau das gesamte Obergeschoss geräumt wird, die Werke der Sammlung von dort ins Depot wandern, ist bislang noch nie geschehen.

Für Anton Graff, den großen, humanistisch gesonnenen Porträtmaler der Aufklärung und Frühromantik nahm man nun den erheblichen Aufwand auf sich. Mit triftigen Hintergedanken: Durch die eindringliche Hängung von nichts als Porträtköpfen soll zugleich die besondere Anziehungskraft seiner lebensnah verewigten Persönlichkeiten betont werden.

"Anton Graff an sich ist schon sehr suggestiv", sagt Philipp Demandt, Leiter der Alten Nationalgalerie. "Wenn einen nun über all die Säle hinweg seine Gesichter angucken, so ist das mit einem Speed Dating im Internet zu vergleichen." Man könne sich als Betrachter intuitiv entscheiden, von welchen Charakteren aus der deutschen Geistesgeschichte, aus preußischem Adel und Bürgertum man besonders angesprochen oder auch abgestoßen werde, um dann individuell tiefer in die Porträtkunst und Seelenkunde des gebürtigen Schweizers einzusteigen. Anton Graff (1736 bis 1813) soll nach Einschätzung seines als Philosoph und Theologe bekannten Schwiegervaters Johann Georg Sulzer die Gabe gehabt haben, als Maler bis in das "Innere der Seele" vorzudringen. Gegenüber der ersten Station im Museum Oskar Reinhart in Winterthur ist die Berliner Ausstellung nun von 80 auf rund 140 Werke angewachsen.

Anton Graff stand von 1766 an im Dienst des kurfürstlichen sächsischen Hofs, war dadurch verpflichtet, vor allem deren Mitglieder zu porträtieren. Er hat aber nicht nur die Aristokratie aus Dresden, Leipzig und auch Berlin in ein weniger repräsentatives als menschelndes Licht gesetzt, sondern auch die herausragenden Dichter und Denker seiner Zeit wie etwa Friedrich Schiller, Gotthold Ephraim Lessing und Johann Gottfried Herder. Kuratorin Birgit Verwiebe streicht Graffs Empathiefähigkeit heraus: "Wenn er die Personen gut kannte, hat er sie auf wunderbare Weise wiedergegeben, wenn eine gewisse Distanz da war, konzentrierte er sich mehr auf das Gewand." Gerade Graffs Frauenbildnisse scheinen förmlich zu atmen: Seine in rosiger Mädchenblüte stehende Juliane Wilhelmine Bause kann sich in dem duftigen Farbauftrag mit den besten Bildnissen des Porträtgenies Thomas Gainsborough messen.

Anton Graff: Gesichter einer Epoche

Berlin, Alte Nationalgalerie
23.2.

Gegen Vorlage ihrer artcard erhalten unsere Abonnenten ermäßigten Eintritt. Der Katalog zur Ausstellung ist im Hirmer Verlag erschienen und kostet im Museum 30 Euro, im Buchhandel 39,90 Euro

http://www.smb.museum/smb/kalender/details.php?objID=39406