Salon Dahlmann - Berlin

Komplott im Salonbezirk

Anselm Reyle und Marianna Uutinen mischen die bourgeoisen Gemächer im Salon Dahlmann auf

Gleich eingangs im Korridor des Salon Dahlmann, den bourgeoisen Gemächern des finnischen Privatsammlers Timo Miettinen, schwankt das Flohmarktfundstück von einem Glasleuchter wie aufgrund eines leichten Erdbeben nervös hin und her.

Und auch aus den angrenzenden Räumen schlagen einem lautstark schon von weitem disparate Farbtöne und vielfach gebrochene, oft irrlichternd reflektierende Oberflächen entgegen. Während ein Raum ganz ins Schwarz abgetaucht ist, dominieren im nächsten artifiziell gefältelte Silberfolien in Form einer Wandbespannung oder es ziehen sich wie aus Frauendessous entliehene, gemalte Spitzenbordüren diagonal über die Wand. Im Salon Dahlmann in Berlin herrscht derzeit glamourös aufgereizter Aufruhr. Marianna Uutinen und Anselm Reyle einigten sich für ihre Kollaboration auf ein poppiges Environement aus Bildwerk, Wandgestaltung, Skulptur in der gerissenen Fortführung von Andy Warhols illusionistischen Prämissen.

"Last Supper" ist die Ausstellung mit gutem Grund nach einem späten Bildzyklus von Warhol benannt. Auf einem Plattenteller dreht sich eine Vinylscheibe, die schon etwas verkratzt ihre angeschlagenen Techno-Klänge von sich gibt. Der Clash von Materialien, Zeiten, Stilfragen, das mal mehr giftig, mal mehr bonbonhaft schillernde Wechselbad aus (Neon-)Farben und Spiegelndem, reliefartigen Strukturen und taktilen Stoffen ist als Ganzes betrachtet stimmig bis zum kitschigen Anschlag. Das Hardcore radikaler Oberflächenbetrachtung trifft auf ein ebenso ironisch wie gekonnt durchkonjugiertes Bildrepertoire aus Konstruktivismus, Minimal Art, Hard Edge, Informell, Nouveau Realisme. Und es weihnachtet im Zuge der kurios blinkenden Lampen und ketzerisch drapierten Farbfolien sogar schon etwas – zumindest rein atmosphärisch betrachtet.

Noch als Akademiestudent habe er Marianna Uutinens Arbeiten in der Ausstellung "Abenteuer der Malerei" 1996 im Stuttgarter Kunstverein entdeckt, erzählt Anselm Reyle. Und er sei begeistert gewesen von der Art und Weise, wie die für ihn damals noch unbekannte, rund zehn Jahre ältere finnische Künstlerin mit Material, Collage, einer Art von Malerei umgegangen sei: "Es gab eine Schönheit und gleichzeitig etwas sehr Hässliches in Mariannas Arbeiten. Eine Ambivalenz, die bei mir auf jeden Fall ein starkes Gefühl auslöste." "Zuordnungsprobleme" hieß 2008 eine Gruppenschau bei Johann König, in der die beiden Trash-Alchemisten erstmals zusammen ausstellten. Und auch jetzt im Salon Dahlmann wird man anfangs seine liebe Mühe haben, die jeweilige Künstlerhand in dem aufgeladenen Raumkomplott der beiden voneinander zu unterscheiden. Man habe die alte, gerade in Berlin beheimatete Salonidee des 19. Jahrhunderts wieder beleben wollen, heißt es. Und die Ausstellung macht nach manch jüngeren Ausfällen Reyles auch erneut bewusst, wie wichtig der deutsche Stratege durch seine völlig abgeklärte Analyse, aber auch erfrischende Wiederaufbereitung überkommener Ismen der Abstraktion immer noch für die Gegenwartskunst ist. Seine zwei- und dreidimensionalen Arbeiten können mindestens so konzeptuell sein wie die von Yves Klein oder Lucio Fontana zu ihrer Zeit waren. Wer nur dekorative Gelacktheit entdeckt, ist womöglich kunsthistorisch unwissend, vielleicht aber auch etwas betriebsblind. Reyles kongeniale Vorreiterin und Mitspielerin Uutinen bringt es auf den Punkt: "Was ich liebe, ist das Generöse der verschiedenen Displays: Mal erinnert die Ausstellung hier mehr an ein Museumsdisplay dann wieder mehr an Ambient, und eigentlich ist es eine Mischung aus beiden." Uutinen hat übrigens parallel zum "Last Supper" noch eine Ausstellung in der Berliner Galerie Carlier Gebauer.

Anselm Reyle und Marianna Uutinen: "Last Supper"

Salon Dahlmann, Berlin, bis 25. Januar 2014; Marianna Uttinen, "I am Painting", Carlier Gebauer, bis 20. Dezember
http://www.marburger3.de/index.php/en/salon-dahlmann.html

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