Romantische Landschaften - Bremen

Ins Offene!

Den deutschen Romantikern gelang in ihren Zeichnungen die Neuentdeckung der Wolken und des Selbsts in der Landschaft. Die Ausstellung "Dich von der Natur anwehen" in der Kunsthalle Bremen offenbart, was von der romantischen Naturauffassung in der heutigen Zeichenkunst geblieben ist.

Aus der romantischen Wallfahrt nach Bremen wird bald eine sentimentale Reise. Denn die Grundidee der Schau, Landschaftszeichnungen des 19. Jahrhunderts mit Naturstudien von heute zu ergänzen, um zu zeigen, wie sich die romantische Idee fortschreibt, beweist doch vor allem, dass heuti­ge Naturbeschreibung immer etwas Rührseliges hat. Aber diese aktuellen Kontraste verstärken eigentlich nur das Vergnügen an der Zeitreise.

Bezaubernd ist die Sorgfalt der alten Zeichnungen, die daher kommt, dass die Romantiker tatsächlich glaubten, im Weben der Natur ihr Innerstes gespiegelt zu sehen. Deshalb waren sie so genau im Betrachten und so zärtlich in der Wiedergabe. Ihr Aufbruch ins Offene, zum Ich, war ja auch ein Ausbruch aus den Akademien und dem Auftragswesen. Die meisten der Blätter sind draußen entstanden, in Deutschland und vor allem im Sehnsuchtsland Italien. Die Deutschen, lernt man aus dem Katalog, unterschieden sich von den französischen Pilgern durch das leichtere Gepäck, sie bevorzugten Papier und harten Bleistift, das Aquarell, allenfalls eine ölgetränkte Pappe und Tubenfarben. Die deutschen Romantiker setzten die Landschaftszeichnung, die Baumskizze, das flüchtige Wolkenporträt in ihr eigenes Recht, und man spürt bis heute, wie neu und aufregend ihre Abenteuer des Sehens waren.

Fantastisch die beiden Kohleblätter von Schiller-Freund Johann Christian Reinhart, der Waldwildnis mit kräftigen, sicheren Schraffuren in die Ebene des Blattes zwingt. Zum Niederknien Johann Friedrich Helmsdorfs akribisch klarer Taormina-Blick. Ja, man kommt ins Schwärmen. Dabei ist diese wunderbare, unprätentiös gut gehängte Schau voller Entdeckungen eigentlich eine Selbstverständlichkeit: alles im hauseigenen Bestand. Und selbst die eingestreuten Zeitgenossen bieten gute Kontrapunkte, auch wenn sie nicht immer mithalten können: Der Star Ugo Rondinone erweist sich als epigonaler Stümper, aber die Herbstblatt-Porträts von Manfred Holtfrerich sind eine wirkliche Entdeckung: sentimental, doch mit Klasse.

Lass Dich von der Natur anwehen – Landschaftszeichnung der Romantik und Gegenwart

bis 12. Januar,
Kunsthalle Bremen,
Gegen Vorlage ihrer artcard erhalten unsere Abonnenten ermäßigten Eintritt. Der Katalog ist im Kerber Verlag erschienen, er kostet 32 Euro, im Buchhandel 38 Euro
Romantik und Gegenwart target="_blank">http://www.kunsthalle-bremen.de/ausstellungen/aktuelle-ausstellungen/landschaftszeichnung/