Isa Genzken - New York

I Love New York, Crazy City

Sie beschwört in ihren Werken Katastrophen herauf, die nie passiert sind, lässt ihren Kopf röntgen für das ultimative Selbstporträt und demonstriert nicht nur ihre eigene Stärke, sondern generell die Stärke der Frauen. Isa Genzken ist wohl eine der spannendsten Gestalten der deutschen Kunstszene. Zum 65. Geburtstag widmet das New Yorker MoMA ihr eine Retrospektive.
I Love New York:Isa Genzken Retrospektive im MoMA

Isa Genzken im MoMA: Skulpturen, Gemälde, Installationen, Fotos – so bunt sieht es selbst im New Yorker Museum of Modern Art nicht immer aus. Im Vordergrund Genzkens "Schauspieler" von 2013, dahinter "Ohr" von 1980

New York ist immer wieder und in vielen ihrer Arbeiten zu spüren: Die Wolkenkratzer, das Chaos und der Müll der Stadt finden sich ebenso wieder wie das billige, schillernde Plastikmaterial aus den Läden von der Canal Street, das sie benutzte, oder die Schrecken des 11. Septembers, die sie in ihren Trash-Skulpturen verarbeitete. Das Museum of Modern Art hat Isa Genzken, die in diesen Tagen ihren 65. Geburtstag feierte, eine Retrospektive gewidmet. Die feinnervige Ausstellung eines Gesamtwerkes, das sich jeder Kategorisierung widersetzt, ist Isa Genzkens Liebeserklärung an die Stadt.

Im Anschluss an die Presseeröffnung schritt die Künstlerin in einer kobaltblauen Jacke, die Schiebermütze ins Gesicht geschoben, ihre Ausstellung ab. Die Arme verschränkte sie hinter dem Rücken. Ihre Körpersprache signalisierte Abwehr. Diejenigen, die dennoch versuchten, Genzken anzusprechen, wurden mit einem freundlichen, aber irritierten Lächeln belohnt. Dann schritt die Künstlerin wortlos weiter. Isa Genzken ist durch ihren langen Kampf mit dem Alkohol und durch ihre psychischen Erkrankungen gezeichnet. Im Sommer erlitt sie als Folge eines Sturzes einen Schädelbruch. Sie wirkt zerbrechlich.

Das Werk der Künstlerin, die es sich niemals leicht gemacht hat mit dem Leben und ihrer Arbeit, umfasst Installationen, Skulpturen, Fotografien, Collagen und Filme. Sie gilt als eine der wichtigsten Persönlichkeiten in der zeitgenössischen Kunst. Jüngere Generationen bewundern Genzken für ihre Radikalität, für ihren Eigensinn und für ihren Mut. Dennoch hat es 13 Jahre gedauert, bis sie nun wieder eine große Ausstellung in New York hat. Unter dem Titel "Fuck the Bauhaus (New Buildings for New York)" im alternativen AC Project Room hatte Genzken 2000 zerbrechliche architektonische Modelle aus Pizzakartons, bunten Plexiglasscheiben, Spielzeugautos, Muscheln oder Kunstblumen, die sie mit Klebeband zusammenhielt und bei denen sie mit Plastiknetzen Frank Gehry spielte, abgeliefert. Die Ausstellung damals wurde von all dem Klatsch über Genzkens Eskapaden begleitet – sie flog aus diversen Hotels und endete in einer Jugendherberge. "Selbst Leute, die 'Fuck the Bauhaus' damals nicht gesehen haben, tun heute so, als ob sie dabei waren", erzählte MoMA-Kuratorin Laura Hoptman bei der Ausstellungseröffnung.

Während die New Yorker Kritiker Genzken dieses Mal aus ganz anderen Gründen Aufmerksamkeit schenken und die Ausstellung voller Respekt besprechen, wird die Künstlerin zu Hause in Deutschland sogar von der Boulevardpresse bejubelt ("New York feiert unsere schrillste Künstlerin"). Die 65-jährige Genzken scheint nach einer langen Reise angekommen zu sein: Die startete beim Aufnahmetest an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg 1969, als sie ein Stück Papier zerknüllt und auf den Tisch geworfen hatte. Anstatt sich artig mit Zeichenmaterial und Schere an die Arbeit zu machen, lehnte sie sich gegen die Männerbastion in der deutschen Kunstwelt und gegen Überfiguren wie ihren Exmann Gerhard Richter auf. Ihre Ausstellung würde durch einen ungestümen Geist vereint, der seltsamerweise gleichzeitig feierlich und verteufelt ist, schrieb Peter Schjeldahl vom "New Yorker" über die Retrospektive. "Genzken nimmt es mit den Idealen der modernen Kunst und Architektur und mit den Freuden und Ängsten des Lebens in modernen Städten auf."

Zu den frühesten Arbeiten in der Ausstellung zählen die langgestreckten Ellipsoide und Hyperbolos aus lackiertem Holz, die Genzken in den siebziger Jahren mit Hilfe eines Schreiners und eines Physikstudenten fertigte, der für das Design ein Programm schrieb. Den Minimalisten passten die eleganten Holzwerke damals nicht, weil sie ihnen in ihrer Form nicht pur genug waren. Die Machowelt der Kunst belächelte sie als Nähnadeln oder Zahnstocher – wahrscheinlich waren sie ganz einfach zu groß, zu imposant und zu irritierend für eine junge Künstlerin. In den achtziger Jahren arbeitete Genzken ohne die Hilfe anderer mit Beton weiter. In die Klötze, die in ihrer grauen Kälte an anonyme Wohnsilos in Großstädten erinnern, steckte sie Antennen, so dass ihre "Weltempfänger" die Fühler ausstrecken. Als Kunstobjekt sind diese Empfänger bereit, jede Bedeutung und Deutung aufzunehmen.

In New York fotografierte sie 1980 die Ohren weiblicher Passanten und erfreute sich daran, dass die offenen New Yorkerinnen sich alle bereit erklärten mitzumachen. Es ging ihr um den Weltempfänger Frau – und die Rolle der Frau, die dazu verdonnert zu sein scheint, wichtigen Männern zuzuhören. Ihr Selbstporträt schuf Genzken, indem sie ihren Schädel mit Hilfe von Röntgenbildern beim Trinken und Rauchen ablichtete. Sie habe damals einen Arzt gefunden, der so wie sie zur Flasche griff und sich auf das Projekt einließ. Ihr Gehirn formte sie aus einem Klumpen Gips, aus dem eine zarte, traurig wirkende Antenne herausragt. Sie schuf Skulpturen aus rohem Beton, die mit ihren Rissen und den zusammengeflickt wirkenden Elementen alles Erdenkliche an Bedeutung in sich tragen: Sie erinnern an das zerbombte Nachkriegsdeutschland und an Bunker, sind gleichzeitig Sinnbilder des Lebens und all der Blessuren, die man davonträgt, und lassen in ihrer Enge und Geschlossenheit an einen bedrückenden Ort denken, dem man nicht entkommen kann. Die Betongebilde sitzen auf hochbeinigen Metallrahmen, so dass sie einem auf Augenhöhe begegnen oder einen wie ein Mahnmal überragen. Fenster als die Sinnesorgane von Gebäuden und die ersten architektonischen Formen, die sie als Kind beeindruckten, kehren als Thema immer wieder.

Architektur hat sie schon immer fasziniert. Nachdem sie mit ihrer Mutter die in Manhattan lebende Tante besucht hatte, reiste Genzken in den sechziger Jahren ein zweites Mal im Rahmen einer Schülerreise nach New York. Sie war von Manhattans Bauten und der Stadt an sich tief beeindruckt. Und sollte New York durch häufige Besuche und Freundschaften zu Künstlern wie Lawrence Weiner, Dan Graham und Carl Andre verbunden bleiben. Weiner verewigte Genzken neben Andy Warhol und Künstlerfreunden wie Kai Althoff und Wolfgang Tillmans in ihrem mit Fotos beklebten "Spielautomaten" von 1999 bis 2000, der gleichzeitig Schrein und Selbstporträt zu sein scheint. Ihr New York dokumentierte sie in Fotocollage-Büchern ("I Love New York, Crazy City").

Aus billigen Kunststoffscheiben baute Genzken neue Gebäude für Berlin. Sie begann, an komplexen Ensembles zu arbeiten, die sie nach wie vor beschäftigen. Zum Einsatz kommen Konsummüll und Plastik. Mit "Empire Vampire" reagierte sie 2003 und 2004 auf Krieg, Terror und die Ereignisse des 11. Septembers. Soldatenfiguren beziehen auf einem Felsen Stellung, der wie ein durch Bomben zerfetztes Körperstück aussieht. Ein paar Jahre später lieferte sie ihre trashig trotzigen und zerbrechlichen Entwürfe für Ground Zero: ein Parkhaus, ein Krankenhaus, das in einen silbernen Leichensack eingepackt zu sein scheint, die Memorial Tower, eine Kirche, den Obama-Mode-Laden und die 24-Hour-Disco.

Die Besucher der Ausstellung werden von Genzkens schaurig amüsanter "Schauspieler"-Schaufensterpuppentruppe empfangen. Und auch im Atrium des MoMA herrscht Endzeitstimmung. Dort schweben ihre Astronauten der Installation "Oil XI", mit der sie Deutschland 2007 auf der Biennale in Venedig vertreten hatte, durch die Luft. Die von Menschen offensichtlich in Panik zurückgelassenen Rollkoffer erzählen von einer Katastrophe, die sich ereignet haben muss. Draußen im Innenhof des Museums steht Genzkens anmutige, mächtige Rose, die in all ihrer erhabenen Schönheit die Dornen ausgefahren hat.

Isa Genzken: Retrospective

bis 10. März,
MoMA – Museum of Modern Art,
New York,
Der Katalog zur Ausstellung kostet 75 US-Dollar
http://moma.org/interactives/exhibitions/2013/isagenzken/

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