Hannah Höch - London

Mit Humor und Hinterlist

Mit der Schere rückte die einzige Frau unter den Berliner Dadaisten der Führungsriege der Weimarer Republik auf die Pelle. Höchs Lebenswerk wird nun in der Londoner Whitechapel Gallery ausgestellt

Ein Reichspräsident und sein Reichswehrminister im seichten Wasser der Ostsee, und dann noch diese schlecht sitzenden Badehosen – Skandal!

Die despektierliche Aufnahme des Sozialdemokraten Friedrich Ebert, die der Fotograf Wilhelm Steffen eigentlich für die konservative Deutsche Tageszeitung gefertigt hatte, erschien – wie bösartig! – im Boulevardblatt Berliner Illustrierte Zeitung am 21. August 1919, dem Tag, an dem Ebert auf die neue Reichsverfassung vereidigt wurde. Und schlimmer noch: Eine junge Frau, die 29-jährige Hannah Höch (1889 bis 1978), hatte die peinliche Szene der planschenden Politiker zerschnitten und mit Humor und Hinterlist zu einer Collage mit dem sarkastischen Titel Staatshäupter zusammengeklebt.

Das war typisch für die Frau aus dem thüringischen Gotha, die es als ihre Aufgabe angesehen hatte, diese turbulente Zeit bildlich ein­zufangen. Sie machte das mit subtiler Ironie und formaler Leichtigkeit – die badenden Politiker etwa umgab sie mit einem filigranen Muster von Stickbögen und brachte so ein verstörend feminines Element in die Riege der ton­angebenden Herrengesellschaft. Aggressive Polemik überließ sie lieber Kollegen wie John Heartfield, Willibald Krain, Karl Holtz oder Jacobus Belsen.
In London wird Hannah Höch jetzt in der Whitechapel Gallery als wichtiges Mitglied der Berliner Dada-Bewegung und Pionierin der Collage gefeiert: 100 Arbeiten aus internationalen Kollektionen ergeben ein Bild von Höchs Lebenswerk.

In jungen Jahren entwarf sie zunächst Textildesign und fertigte skurrile Puppen, die schon ihre dadaistische Sicht der Dinge vorweggenommen haben. Von 1915 bis 1922 hatte sie eine Beziehung mit dem Dadaisten Raoul Hausmann, was ihr künftiges Werk entscheidend beeinflusste. Gemeinsam entwickelten sie das Prinzip der Collage. Höch, die einzige Frau unter lauter männlichen Dadaisten, wusste sich nicht nur durchzusetzen, sondern leistete einen entscheidenden Beitrag: Ihre Montage Schnitt mit dem Küchenmesser Dada durch die letzte Weimarer Bierbauchkulturepoche Deutschlands ist die wohl monumentalste aller Dada-Fotomontagen und war Höhepunkt auf der Internationalen Dada-Messe von 1920, der letzten gro­ßen Manifestation der Berliner Dadaisten.

In London sind einige ihrer berühmtesten Dada-Collagen zu sehen, neben Staatshäupter auch Hochfinanz (1923), eine selten direkte Kritik an der Verbindung zwischen Bankern, Industriellen und Militär zu Zeiten der europäischen Wirtschaftskrise und Klebebilder, in denen sie einfach der Lust am Kombinieren unvereinbar scheinender Dinge frönte.

Hannah Höch

London, Whitechapel Gallery,
15.1. – 23.3.14

Der Katalog zur Ausstellung kostet 29,95 Pfund.
http://www.whitechapelgallery.org/