Raw Materials - Bietigheim-Bissingen

Poesie von Obi und Hornbach

Raster, Muster, Strukturen, Serielles – die Städtische Galerie in Bietigheim-Bissingen wagt einen neuen Blick auf ein altes Phänomen mit Materialien aus dem Baumarkt.

Heimwerkern wird das Herz aufgehen. Denn schöner könnte man das Sortiment aus dem Baumarkt nicht präsentieren.

Latten, Schläuche und Kabel, Dämmwolle und Holzbalken kann man in der Ausstellung "Raw Materials" entdecken. Nach einer ersten Station in Ingolstadt zeigt die Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen nun eine Ausstellung mit zeitgenössischer Kunst, die direkt "Vom Baumarkt ins Museum" gewandert ist, so der Untertitel der Schau. "Ich würde keine Ausstellung zur Konkreten Kunst machen", sagt Galerieleiterin Isabell Schenk-Weininger, hier aber werde "ein sehr origineller Blick" auf jene Werke geworfen, die sich mit Rastern, Mustern, Strukturen und Seriellem beschäftigen.

Camill Leberer hat rote, gelbe, grüne Schleifpapiere verschiedenster Körnung gerahmt in Serie gebracht, während Günther Uecker in sein quadratisches Bild "Regen" 1972 zahllose Nägel schlug. Rund 50 Objekte von den fünfziger Jahren bis in die Gegenwart werden in Bietigheim-Bissingen ausgestellt. Timm Ulrichs hat bereits in den fünfziger Jahren gelochte Akustikplatten, die gewöhnlich an Zimmerdecken den Schall schlucken sollen, gerahmt und an die Wand gehängt – um Störungen in Ordnungssystemen sichtbar zu machen. Interaktiv ist dagegen Rolf Glasmeiers "Kaufhaus-Objekt Fenstergriffe" aus den sechziger Jahren, bei dem die Besucher die Fenstergriffe in gleichförmigen Reihen anordnen können – oder aber Chaos erzeugen.

Nachdem die Künstler die Schönheit oder das Interessante an den Materialien von Obi, Hornbach und Co. entdeckt hätten, würden diese häufig unverändert vom Baumarkt in die Kunst wandern, sagt Schenk-Weininger. Ottmar Hörl hat 1998 einfach nur bewegliche Kunststoffrohre gekauft, in denen normalerweise Kabel erschwinden – er aber verknotete sie zu der "Skulptur im gordischen Stil". Die Baumarktartikel, die doch eigentlich rein funktional sein sollen, würden im Kontext der Kunst manchmal sogar Schönheit entfalten, meint Schenk. So hat Beat Zoderer aus alten, teils abgewickelten Klebebandrollen eine zarte, fast poetisch anmutende Assemblage arrangiert.

Raw Materials – Vom Baumarkt ins Museum

Bietigheim-Bissingen, Städtische Galerie, 18.1. – 30.3.14

Im Kerber Verlag ist ein Ausstellungskatalog erschienen, der 23 Euro kostet, im Buchhandel 29,90 Euro.



http://galerie.bietigheim-bissingen.de/

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