Lampedusa, Hamburg und die Kunst - Symposium

Düster, undurchsichtig, schwierig

Die Hamburger Politik tut sich besonders schwer mit dem kolonialen Erbe ihrer Hansestadt – und das nicht nur seit Ankunft der Lampedusa-Flüchtlinge. Mit dem Symposium "Black Box: Lampedusa, Hamburg und die Kunst" wagt man an der Hamburger Hochschule für bildende Künste nun einen selbstkritischen Vorstoß. Es wird Zeit, die Festung des White Cube aufzugeben.

Die italienische Mittelmeerinsel Lampedusa ist in den vergangenen Monaten zum Inbegriff der europäischen Flüchtlingsproblematik geworden – Schlagzeilen von den Schifftragödien, bei denen hunderte Afrikaner auf der Flucht nach Europa ihr Leben ließen, den illegalen Push-Back-Aktionen der europäischen Grenzagentur Frontex und den menschenunwürdigen Zuständen in den Auffanglagern empören viele in Europa und der Welt.

Afrikanische Flüchtlinge sind in der EU so sichtbar wie nie zuvor – und das nicht nur in den Medien. Lampedusa ist auch in den deutschen Großstädten angekommen. In Hamburg kämpfen seit Monaten rund 300 libysche Kriegsflüchtlinge für ein kollektives Bleiberecht nach Paragraph 23 des Aufenthaltsgesetzes.

Trotz breiter Unterstützung aus der Hamburger Bevölkerung weigert sich der SPD-geführte Senat, ihren Flüchtlingsstatus anzuerkennen. Bürgermeister Olaf Scholz bleibt auf seinem harten Kurs, unbeeindruckt von der Kritik aus den eigenen Reihen. Die Hansestadt, deren Prosperität teils Umschlag und Verarbeitung von Kolonialwaren wie Kaffee, Kakao und Baumwolle zu verdanken ist, deren Universität aus einem Kolonialinstitut hervorgegangen ist, tut sich schwer mit ihrem kolonialen Erbe. Die Lampedusa-Flüchtlinge sind hierfür ein emotionales Beispiel.

An der Hochschule für bildende Künste in Hamburg will eine Tagungsreihe neue Impulse geben: "Die Hamburgische Kolonialpolitik wirkt bis heute nach, im Stadtbild, in der Gegebenheit von Institutionen, aber auch allgemeiner in ästhetischen Gestaltungsfragen künstlerischer Praktiken", sagt Michela Ott, Professorin für ästhetische Theorien und Organisatorin des Symposiums "Black Box: Lampedusa, Hamburg und die Kunst". Man wolle Licht in die "Black Box", das düstere und undurchsichtige, historische wie auch aktuelle Beziehungsgeflecht zwischen Afrika und der Hansestadt, bringen.

"Während unserer Referentenanfrage für das Symposium haben wir festgestellt,
dass zwar zahlreiche Hamburger Institutionen, darunter Museen, die
Wichtigkeit der Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit betonen,
dann aber davor zurückschrecken", sagt Ott. Die HfbK wagt nun einen Vorstoß. Vergangene Woche präsentierten Experten aus Wissenschaft, Kunst und Kultur beim ersten Teil des Symposiums ihre Ansätze für eine Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit Hamburgs, Deutschlands und Europas in Hinblick auf die europäische Flüchtlingsproblematik.

Sich an Kolonialdenkmälern "reiben" statt sie zu verstecken

Während andere europäische Städte wie Amsterdam die aktive Auseinandersetzung mit ihrer kolonialen Vergangenheit durch zum Beispiel Antisklaverei-Denkmäler fördern, tut die Stadt Hamburg wenig. Unbequeme Kolonialdenkmäler wurden entfernt, eine Auseinandersetzung mit ihnen nicht ermöglicht. "Hamburg ist auf europäischer Ebene ein Schlusslicht, was die kritische Auseinandersetzung mit der Kolonialzeit und der damit verbundenen Erinnerungskultur angeht", sagt die Hamburger Künstlerin HMJokinen, die zu den Referenten der Tagung gehört. Sie zeigt, dass es auch anders geht – im Rahmen des Projekts „afrika-hamburg.de“ stellte Jokinen 14 Monate lang das umstrittene Denkmal des Kolonialgoverneurs Hermann von Wissmann am Hafentor aus. Bis dahin schlummerte es im Keller der Hamburger Sternwarte. Das Projekt war verbunden mit einem Online-Forum zur Diskussion. Die kontroverse Debatte und eine daran angeschlossene Umfrage ergaben, dass 95 Prozent aller Befragten der Auffassung sind, dass selbst unbeliebte Denkmäler nicht in Kellern versteckt werden sollten. Man möchte sich an ihnen "reiben", so Jokinen.

Während die Hansestadt einerseits unbequeme Denkmäler einmottet, würdigt sie andererseits weiterhin die Namen von Kolonialoffizieren, Sklavenhändlern und "Weltentdeckern". Mehr als 100 koloniale Straßennamen prägen das Stadtbild: Ob Wissmannstraße oder Schimmelmannallee – modernes und weltoffenes Hafenstadtflair geht anders. Im Gegensatz zu Hamburg gab es in anderen deutschen Städten und Gemeinden Umbenennungen solcher Straßennamen. Allerdings häufig ohne postkoloniales Fingerspitzengefühl: "Meistens hat man auf Wald- und Wiesennamen zurückgegriffen und damit die historischen Spuren verwischt".

"Es wäre sinnvoller, mit Straßennamen schwarze Persönlichkeiten zu würdigen, die hier oder in Afrika gegen Rassismus und das Kolonialregime gekämpft haben", sagt Jokinen.
Gemeinsam mit dem Verein Berlin Postkolonial kuratiert sie die Wanderausstellung "freedom roads!", die alternative Namensgeber vorstellt und so eine postkoloniale Erinnerungskultur fordert. Die Ausstellung ist noch bis zum 23. Februar im Münchner Stadtmuseum zu sehen.

Afrikanisches Kino und „europide Hauttöne“

"Wann haben Sie das letzte Mal einen afrikanischen Film gesehen?", fragt Filmemacherin Dorothee Wenner das Publikum gleich zu Beginn ihres Vortags. Dies bleibt jedoch nur eine rhetorische Frage. Denn bis auf die Tierdokumentationen, die vor Ort produziert werden, schafft es kaum ein afrikanischer Film bis nach Europa. Hierzulande haben es selbst deutsche Filme, die sich des Kontinents annehmen, schwer – besonders im Kino: "Wir hätten mehr Möglichkeiten, wenn wir wüssten, dass der Kinosaal nicht leer sein wird", sagt Wenner, die selbst Filmprojekte wie "DramaConsult" und "Peace Mission" auf dem Kontinent realisiert hat.

Das Problem liegt nicht im Mangel an afrikanischen Filmen. Produziert werden jedes Jahr Tausende. Zum Beispiel in Lagos, auch bekannt als Nollywood, die im Namen an Hollywood angelehnte nigerianische Filmindustrie. Dort, so erklärt Wenner, die auch als Sonderbeauftragte für Subsahara-Afrika bei den Berliner Filmfestspielen arbeitet, fand eine der größten Medienrevolutionen der letzten Jahre statt. Nur keiner hat etwas davon mitbekommen. Das Problem liegt in der medialen Unterrepräsentation der afrikanischen Filmindustrie. Südlich der Sahara gibt es 15 deutsche Korrespondenten. Im Vergleich dazu: In Washington sind etwa 300 deutsche Journalisten stationiert.

Afrika ist im wahrsten Sinne des Wortes ein dunkler Fleck auf der Landkarte der Filmwelt – nicht nur aufgrund der mangelenden westlichen Öffentlichkeit. Auch die Filmtechnik trägt eine Mitschuld an der Ausblendung des Kontinents: "Analoge Filmrollen sind für die Abbildung eines sogenannten europiden Hauttons optimiert", erklärt die Medienwissenschaftlerin Ulrike Bergermann in ihrem Vortrag zu Belichtungstechniken für Haut in Film und Foto. Um 1900 war Film in Technik und Chemie noch auf einen "europiden Hautton" eingestellt. Die digitale Revolution hat dies nicht gänzlich ausgeglichen: "Auch im digitalen Zeitalter hat der automatische Weißabgleich nicht alle Probleme beseitigt", sagt Bergermann.

Egal welches Medium, ob Film, Foto oder Leinwand – auch die Kunstszene muss ihre Beziehung zum "dunklen" Kontinent aufarbeiten und das, was die Tagung in der HfbK unter einer Forderung "kritischer Weißheit" zusammenträgt, umsetzen. Was sich seit der Kolonialzeit in die künstlerischen Praktiken eingeschrieben hat, ob chemischer oder sozialer Natur, muss kritisch hinterfragt werden. Es wird Zeit, die Festung des White Cube aufzugeben.

Für den 19. und 20. Juli ist eine Fortsetzung des Symposiums angesetzt.

Mehr zum Thema auf art-magazin.de