Jonathan Meese - Salzburg

Der Irrsinn des Kunstmissionars

Jonathan Meese reduziert: Die Salzburger Ausstellung "Malermeese – Meesermaler" arbeitet sich durch 20 Jahre Malen als Wilder in Deutschland, zeigt aber vor allem, wo sich der Skandalkünstler Meese inhaltlich und stilistisch bedient hat.

Mit der Mama war er da, natürlich, hat mit ihr vom Mönchsberg durchs Touristenfernrohr auf die idyllische Salzburger Altstadt hinuntergeschaut, artig für die Fotografen salutiert und auch noch schnell fürs Museumsrestaurant ein eigenes Tischset entworfen.

"Mampf Mampf", steht da jetzt gekritzelt. Zumindest kein Hakenkreuz verdirbt den Restaurantbesuchern den Appetit. Meese seriös, das ist auch der Eindruck, den die letzte von Ex-Direktor Toni Stooss geplante Ausstellung vermittelt: "Malermeese – Meesermaler" stellt den in seinem Irrsinn so konzeptuell redundanten Kunstmissionar als reinen Maler vor, arbeitet sich sogar wissenschaftlich-chronologisch durch 20 Jahre Malen als Wilder in Deutschland.

Es ist dieselbe Sirene, die allen Künstlern lockend im Ohr zu liegen scheint, die rund um ihre Person jahrelang mühsam ein eigenes Universum aus Performance, Malerei, Installation, medialer Provokation aufbauen – um sich dann erst wieder als Malergenie ihren Platz in der musealen Walhalla sichern zu wollen. Was bringt diese Reduktion auf die "Flachware"? Soll der Betrachter bei Meese plötzlich den speziellen Pinselduktus, die stilistische Entwicklung, die Farbgebung studieren? Am Ende weiß und fühlt man nur ein Drittel von dem, was diesen für unsere entideologisierte, postmodern verwahrloste Zeit so paradigmatischen Künstler eigentlich auszeichnet: der totale Remix einer Symbolik des Bösen.

Kathartischer Tanz um den Abgrund

In den Rahmen der Kunst transferiert, reizt Meese diese bis an die Grenzen aus, um sie durch sein exzessives Spiel mit ihr für unsere Realität zu neutralisieren. Sagt er. Allein in den Endprodukten, in seinen Bildern aber wirkt Meeses kathartischer Tanz rund um den Abgrund zu schwach. In der Abfolge von einer Leinwand nach der anderen sieht man, wo er sich bei seiner Weltenkonstruktion bedient hat, stilistisch und inhaltlich: bei Baselitz und Kiefer, der ganze deutsch-deutsche Mythenwahn, der Hitlergruß, der erigierte Penis, das Erdig-Dunkle. Aber auch die Nähe zur Outsider Art, besonders zum Gesamtkunstwerk des Gugginger Künstlers August Walla, wird plötzlich frappant. In der manifestartigen Mischung aus Text und Motiv, aber auch in der ähnlich kindlich-naiven, historisch völlig rücksichtslosen Beschwörung von "Göttern" wie Hitler, Satan, bei Walla kam auch noch Stalin dazu.

Das darf auch in der Kunst nur im Rahmen von zelebriertem Irrsinn stattfinden. Wenn Meese alle radikalen Provokationsmöglichkeiten seines Kulturkreises ins Rennen wirft, um eine völlig absurde "Diktatur der Kunst" zu proklamieren. Wenn Walla in der Anstalt mit seinem hermetischen Kosmos des Weltallendes das kollektive Künstlerunbewusste derart stimulierte, dass er zum Pilgerziel wurde. Sowieso sind die Mütter an allem Schuld, beim Deutschen wie auch beim 2001 gestorbenen Österreicher: Beide lebten beziehungsweise leben mit ihren Mamis. Und die wünschen sich sicher lieber einen Malermeister als einen Performance-Schocker.

Malermeese – Meesermaler

Termin: bis 9. März, Salzburg, Museum der Moderne.

Der Katalog ist im Verlag der Buchhandlung Walther König erschienen und kostet 39,90 Euro.
http://www.museumdermoderne.at/de/ausstellungen/aktuell/details/mdm/malermeese-meesermaler/