Welcome! Sotschi 2014 - Kassel

Putin wird sich freuen

Der Kreml sieht es nicht gern, wenn heimische Künstler das Prestigeprojekt Olympia auf die Schippe nehmen. So wurden die Sotschi-Karikaturen des Künstlers Wassilij Slonow in Russland bereits fünf Mal verboten. Auch wurden sie dem bekanntesten Galeristen Russlands, Marat Gelman, zum Verhängnis. Unter dem Titel "Verfolgte Kunst aus Russland" werden die kontroversen Werke nun in Kassel ausgestellt.

Futuristische Stadien, Luxushotels, traumhafte Skipisten – das moderne Bild Russlands, das der Kreml mit den Olympischen Winterspielen im Schwarzmeer-Kurort Sotschi transportieren will, gleicht einem Wintermärchen.

Nach außenpolitischen Skandalen wie etwa der Verabschiedung eines Gesetztes zum Verbot von "Homosexuellen-Propaganda" im vergangenen Jahr ist man sich hinter den roten Mauern des Kreml zunehmend des eigenen, schlechten Images bewusst geworden – imposante Baumaßnahmen allein machen keine erfolgreichen Winterspiele. So versuchte sich der Kreml auch am internationalen Image Russlands: Die letzten Mitglieder der russischen Punkband Pussy Riot und tausende weitere Kremlkritiker kamen im Zuge einer durch Wladimir Putin veranlassten Massenamnestie frei. Auch entschied die Kreml-Führungsriege, dass während der Spiele in Sotschi demonstriert werden darf, wenn auch in einer "Protestzone" zwölf Kilometer von den eigentlichen Spielstätten entfernt. Am Horizont Russlands dämmert die Demokratie – zumindestens in dem vom Kreml gewünschten Image Russlands.

In das Olympia-Bild eines modernen Russlands passten die satirischen Karikaturen des kremlkritischen Künstler Wassilij Slonow natürlich nicht, weshalb seine Ausstellung "Welcome! Sochi 2014" im Museum für zeitgenössische Kunst in Perm vergangenen Sommer vorzeitig geschlossen wurde. Mit einer dort ausgesellten Plakatserie griff er Vorurteile auf, die gegenüber Russland existieren, und machte sie zum Teil einer fiktiven Werbekampagne für die Winterspiele in Sotschi: Handgranaten-Matrjoschkas, Stalin-Bären, Wodka-Siegertreppchen. Russlands Behörden fanden seine Olympia-Satire alles andere als lustig und ließen die als "russlandfeindlich" verstandene Ausstellung schließen. Laut Slonow war dies bereits die fünfte Ausstellung der Karikaturen, die geschlossen worden ist. Für Marat Gelman, den Direktor des Permm-Museums, wurden die Sotschi-Karikaturen gar zum Verhängnis – er musste seinen Posten räumen.

Slonow selbst kann den Skandal um seine Kunst nicht verstehen. In einem "Spiegel"-Interview kurz nach der Schließung seiner Ausstellung versicherte er, es wäre nicht seine Absicht gewesen, Putins Winterspiele zu kritisieren. Es ginge ihm allein um die Vorurteile in Bezug auf Russland. Wer seine Sotschi-Karikaturen jedoch genauer betrachtet, wird feststellen, dass dem nicht so ist. Nicht nur verfremdet Slonow in den Sotschi-Karikaturen Olympiasymbole im Stil sowjetischer Propaganda-Plakate, auch deuten sich in einigen der Bilder die Skandale, die es im Rahmen der russischen Olympiavorbereitungen gab, an. So kann zum Beispiel eine Axt, die in einem Baum steckt, aus dem wiederum Blut fließt, auch als Kommentar zu der einhergehenden Umweltkatastrophe und den menschlichen Tragödien in Sotschi, insbesondere durch die Zwangsenteignungen von Hausbesitzern, verstanden werden. Wie auch immer die russischen Behörden die Karikaturen im Detail gedeutet haben – sie werden einen ziemlich empfindlichen Nerv in Bezug auf Putins Winterspiele getroffen haben.

Unter dem Titel "Verfolgte Kunst aus Russland" werden die kontroversen Karikaturen Slonows nun im Stellwerk im Kulturbahnhof Kassel ausgestellt. Unter den ausgestellten Werken befinden sich auch neue, unveröffentlichte Karikaturen: "Nicht einmal Putin oder sein Geheimdienst haben diese Werke gesehen", sagt Artur Klose, Kasseler Künstler und Organisator der Ausstellung. Laut eigenen Informationen wurde er von Slonow persönlich beauftragt, die in Russland stark kritisierten Karikaturen nach Deutschland zu bringen und sie hier auszustellen. "Putin wird sich freuen", schreibt Klose auf seiner Website. Insgesamt 50 Sotschi-Karikaturen, darunter 18 bisher unveröffentlichte, sind bis zum 9. Februar in Kassel zu sehen.

"Verfolgte Kunst aus Russland"

Stellwerk im Kulturbahnhof Kassel, bis 9. Februar 2014
http://www.rebellious-art.com/

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