At Work - Siegen

Aufräumen mit dem Ateliermythos

Früher mythischer Ort ist das Atelier heute entzaubert, zeigt eine sehenswerte Ausstellung in Siegen.

Bevor diese Leinwände Kunst werden konnten, sind sie schon um die halbe Welt gereist. Karin Sander hat sie ohne Verpackung mit der Post verschickt und darauf gewartet, dass sie mit den Spuren von Lagerung und Versand zu ihr zurückkommen.

Jetzt hängen ihre "Mailed Paintings" im Siegener Museum für Gegenwartskunst an der Wand, weiße, mit Schmutzrändern "bemalte" Fertigleinwände in allen Formen, hier und da linsen die Paketscheine noch zu den Seiten heraus. Von der klassischen Vorstellung, wie (durch die Hand des Künstlers) und wo (im Atelier) Kunst entsteht, könnten Sanders Versandbilder nicht weiter entfernt sein. Und genau darum geht es in der Siegener Ausstellung "At Work – Atelier und Produktion als Thema der Kunst heute".

Es ist noch gar nicht so lange her, dass die Werkstatt des Künstlers zum mythischen Ort verklärt wurde. Auf den Atelierbildern der Romantik inszenieren sich die Maler als einsame Schöpfer und Hüter geheimen Wissens, und das Publikum war nur zu gerne bereit, seinen Teil zumGeniekult beizutragen. Heute sind es gerade die Künstler, die diesen Vertrag einseitig aufkündigen und ihre Werke durch die Hilfe des Zufalls, von Dritten oder überhaupt erst im Kopf des Betrachters entstehen lassen. Ganz buchstäblich räumt Christian Jankowski in seinem Video "Cleaning up the Studio" mit dem Ateliermythos auf: Er schickt eine Reinigungsfirma ins Nam-June-Paik-Museum, das Paiks Werkstatt nach dessen Tod abbauen, nach Südkorea einschiffen und genau so wieder aufbauen ließ, wie man sie vorgefunden hatte.

Ein wenig läuft die Siegener Ausstellung auf die Formel hinaus: Die Alten arbeiteten noch selbst, die Jungen lassen arbeiten. Aber es gibt auch andere Beispiele: Pawel Althamer geht mit Menschen schweigend spazieren, um sie auf andere Gedanken zu bringen, Rita McBride richtet ihren Atelierbesuchern eine Tribüne mit integriertem Aufklappkunstwerk ein, und Kathrin Sonntag inszeniert ihre Werkstatt als Mischung aus Tatort und klassischem Rätselbild. Ähnlich wie in Sonntags verblüffender Diaprojektor-Schau greift auch in der Ausstellung ein Rädchen perfekt ins andere und lässt einen vor lauter Kunstdekonstruktion beinahe vergessen, dass es immer noch Maler mit unverwechselbarem Stil und Atelierfenster nach Norden gibt. Natürlich ist das alles deshalb etwas einseitig auf Konzeptkunst ausgerichtet, und ein auftrumpfendes "Was zu beweisen war" ist auch nicht zwangsläufig gute Kunst. Aber die Botschaft überzeugt und kommt
so sicher beim Empfänger an wie eine Leinwand von Karin Sander.

At Work

Siegen, Museum für Gegenwartskunst
Bis 9.3.

Gegen Vorlage ihrer artcard erhalten unsere Abonnenten ermäßigten Eintritt. Katalog: Snoeck Verlag, 22 Euro, im Buchhandel 29,80 Euro

http://www.mgk-siegen.de/deu/ausstellungen-und-sammlung/ausstellungen/at-work/at-work.html

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