Montmartre - Frankfurt

Flirrendes, erbärmliches Leben

Die Schirn Kunsthalle zeigt Montmartre, als das heutige Touristenzentrum noch das Viertel der kleinen Leute war.

Wer an den Montmartre denkt, denkt an das Leben der Künstlerboheme, an verruchte Bars, Absinthtrinker und leichte Mädchen.

Ende des 19. Jahrhunderts, schätzten Arbeiter und Künstler das auf einem Hügel liegende ehemalige Dorf Montmartre, das heute eines der beliebtesten Touristenviertel von Paris ist, für seinen billigen Wohnraum. Der war nach der radikalen Umgestaltung des Stadtplaners Georges-Eugène Haussmann, die die arme Bevölkerung aus der Innenstadt verdrängt hatte, besonders begehrt.

Mit seinen stillgelegten Steinbrüchen, alten Mühlen und Gärten sowie dem Elendsviertel "Le Maquis" bildete der Montmartre die Gegenwelt zum mondänen Paris – und war ein idealer Nährboden für Maler, Schriftsteller und Komponisten. Dass die Künstler, die sich hier angesiedelt hatten, selbst oft großbürgerlicher Abstammung waren, zeigt, wie wichtig ihnen eine auf Freiheit und Abenteuer basierende Selbststili­sierung war. Vor allem das spezielle Flair aus Verruchtheit und Außenseitertum führte Maler wie Edgar Degas, Pablo Picasso oder Henri de Toulouse-Lautrec in die Gegend. Während Vincent van Gogh sich hier von den dörflichen Landschaften inspirieren ließ, interessierte sich die Mehrheit seiner Kollegen vor allem für die Halbwelt aus Prostituierten, Trinkern und Dieben, deren Leben von den Malern keineswegs glorifiziert, sondern in ungewohnt realistischen Bildern festgehalten wurde. Mit über 200 Werken gibt die Schirn nun einen umfangreichen Einblick in das flirrende, aber auch erbärmliche Leben, das damals in dem berühmt-berüchtigten Stadtviertel Alltag war: darunter zahlreiche ­Straßen- und Kaffeehausszenen, Bilder von Ausschweifungen in Varietés wie dem Chat Noir oder dem Moulin Rouge und berührende Dokumente sozialen Elends.

Neben Gemälden, etwa von Pierre Bonnard, Kees van Dongen und Suzanne Valadon, werden Plakate, Grafiken sowie historische Fotografien ausgestellt. Zeitlich setzt die Schau mit dem Eintreffen van Goghs in Paris 1886 ein und endet 1914, als zahlreiche Künstler den Montmartre Richtung Montparnasse verließen.

Esprit Montmartre. Die Bohème in Paris um 1900

Frankfurt/Main, Schirn-Kunsthalle
7.2.–1.6.

Der Katalog, Hirmer Verlag, kostet 30 Euro, im Buchhandel 49,90 Euro
http://www.schirn.de/ESPRIT_MONTMARTRE_2.html