Die Liebe zu den Dingen - Münster

Ein Herz für seelenlose Dinge

Vom frühzeitlichen Totem bis zum VW-Käfer – die Kunsthalle Münster zeigt Installationen mit Alltagsobjekten.

Bei diesem Anblick wird es nicht nur Blechnostalgikern weh ums Herz: Ein knuddeliger VW-Käfer liegt ausgeweidet in der Kunsthalle Münster und blickt uns aus runden Augen traurig an.

Surasi Kusolwong hat den Oldtimer in seine Bestandteile zerlegt und gemeinsam mit allerlei Kram und einem Druck des belgischen Sammelkünstlers Marcel Broodthaers auf dem Boden ausgebreitet. Tröstlich ist daran allein, dass Kusolwong die umgedrehte und an Haken von der Decke hängende Karosserie in eine sanft schaukelnde Wiege verwandelt hat.

Es ist schon erstaunlich, wie leicht wir unser Herz an seelenlose Dinge verlieren oder ihnen Bedeutung verleihen. Das beginnt bei den frühzeitlichen Totems und Trophäen und setzt sich mit den religiösen Reliquien und schließlich den Statussymbolen unserer Konsumgesellschaften fort. Für die Kunst ist diese Liebe zu den Dingen ein gefundenes Fressen, wie die gleichnamige Ausstellung in der Münsteraner Kunsthalle jetzt zeigt.

So hat Wiebke Bartsch aus einem alten Wohnzimmerschrank ein halb wohliges, halb gruseliges Stück Erinnerung gemacht: In der Auslage für das gute Geschirr stehen Einweckgläser mit ungewissem Inhalt, hinter einer Schranktür versteckt sich eine kindliche Stofffigur, und aus der Rückwand wachsen surreale Stoffwülste, die am ehesten weiblichen Brüsten ähneln. Eher unsentimental kommt auch Roman Signers geschmückter Weihnachtsbaum daher, der sich geschwind um die eigene Achse dreht und im Laufe der Ausstellung nach und nach sämtliche Kugeln und Lebkuchen verschleudert.

Anders als man vielleicht erwarten würde, spielen die Verlockungen der Konsumwelt nur eine Nebenrolle – einzig Sylvie Fleury karikiert den Markenfetischismus, indem sie Einkaufstaschen von Luxusmarken in eine Vitrine stellt. Stattdessen geht es darum, wie wir eine Beziehung zu den Dingen entwickeln und sie uns – nach dem Kauf – ein zweites Mal zu eigen machen. So bastelt Haegue Yang aus banalen Baumarkt-Materialien poetische Traumfänger, und Florian Slotawa führt uns mit dem erst penibel sortierten und dann sachlich fotografierten Inhalt seiner Umzugskartons eine Biografie in Gebrauchsgegenständen vor.

Um die Liebe des Künstlers zu seinem Material geht es bei Al Masson: Er hat eine Umkleidekabine gebaut und mit Dutzenden auf Haken drapierten einfarbigen Handtüchern in eine begehbare Farbkomposition verwandelt. Am Ende des Rundgangs hat man zwar nicht gerade das Gefühl, dass das Thema nun erschöpft sei. Aber die Auswahl ist klug und anregend und der Versuchung, ein lieb gewonnenes Ausstellungsding einfach mit nach Haus zu nehmen, ist nicht leicht zu widerstehen.

Die Liebe zu den Dingen

Münster, Kunsthalle
Bis 30.3.
http://www.muenster.de/stadt/kunsthalle/ausstellungen-aktuell.html

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