Gute Aussichten - Hamburg

Nichts ist so, wie es scheint

Obwohl die Arbeiten der diesjährigen Preisträger des Fotowettbewerbs "Gute Aussichten" thematisch wie auch medial sehr unterschiedlich sind, haben sie eines gemeinsam: in ihnen ist nichts so, wie es scheint. Sie führen in die Irre, lösen ihre Versprechen nicht ein, ertränken Hoffnungen und Erwartungen und überschreiten teils sogar mediale Grenzen.

Bedienungsanleitungen gehören nicht zur beliebtesten Lektüre – sie sind gnadenlos sachlich, bergen selten Überraschungen und sind leidenschaftslos formuliert. Kurzum: Sie sind das Langweiligste, das einem Leser in die Hände fallen kann.

Der Künstler Alwin Lay spielt mit eben solchen Erwartungshaltungen. Wer seine Anleitung für die Espressomaschine "mod. Classic" zur Hand nimmt, bekommt deshalb statt eines Ratgebers für einen behutsamen Umgang mit dem Gerät eine Anleitung für dessen Ertränkung. Foto für Foto zeigt Lay, wie die Maschine in ihrem eigenen Produkt absäuft. Übrig bleibt eine Glasvitrine, die bis zum Rand mit Espresso gefüllt ist. Mit dieser Arbeit bewegt sich Lay nicht nur an der Schnittstelle zwischen Skulptur und Bild, auch entspricht seine Arbeit dem diesjährigen Leitsatz von "Gute Aussichten": Nichts ist so, wie es scheint.

"Alwin arbeitet stets mit doppeltem Boden und versucht uns auf die falsche Fährte zu führen", sagt Josefine Raab, die Gründerin und Initiatorin von "Gute Aussichten", einem der wichtigsten jährlichen Wettbewerbe für Absolventen des Bereichs Fotografie in Deutschland. Aus 100 Einreichungen kürte Raab dieses Jahr gemeinsam mit sieben weiteren Jurymitgliedern die Preisträger: Birte Kaufmann, Lioba Keuck, Marian Luft, Anna Domnick, Daniel Stubenvoll, Christina Werner, Nadja Bournonville, Stephanie Steinkopf und Alwin Lay. Ihre Arbeiten sind nicht nur thematisch, sondern auch medial sehr unterschiedlich. Sie reichen von nahezu klassischen dokumentarischen Fotoserien über Rauminszenierungen bis hin zu digitalen Fotocollagen. Dieses Jahr fand der Wettbewerb bereits zum zehnten Mal statt.

"Ich spreche immer gerne von Wellen und nicht von Trends", sagt Raab. Das Forum versteht sich demnach nicht als Trendbarometer für Fotografie – eher möchte man die Richtung der Wellen junger deutscher Fotografen behutsam abbilden. "Die Arbeiten, die hier vertreten sind, suchen nicht das schnelle Bild", sagt Raab. Von "schnellen Bildern" kann in der Arbeit der Künstlerin Stephanie Steinkopf keineswegs die Rede sein. Für ihren Foto-Essay "Manhattan – Straße der Jugend" besuchte sie über vier Jahre hinweg mehrere Familien einer Plattenbausiedlung in einem brandenburgischen Dorf.

"Manhattan" – so nennen die Dorfbewohner, die Steinkopf fotografierte, die mehrstöckigen DDR-Relikte, in denen sie wohnen. Für die gleichnamige Arbeit musste die Absolventin der Ostkreuzschule für Fotografie einen langen Atem beweisen: "Ich habe viel Zeit mit den Leuten verbracht und dann auf Grundlage ihrer Geschichten Bildideen entwickelt und diese gemeinsam mit ihnen umgesetzt." Obwohl Steinkopf aus dem gleichen Dorf stammt, ließen manche Familien sie erst nach zwei Jahren in ihre Wohnungen. "Mich kannten sie nicht und ich kannte sie auch nicht", sagt sie. Entstanden ist eine Fotoserie an der Grenze zwischen Inszenierung und Dokumentation: "Es geht darum, den Betrachter zu irritieren und die Frage zu stellen – ist die Situation, die wir sehen, echt oder gestellt?", sagt Steinkopf.

Noch bis zum 23. März werden die Arbeiten der Preisträger von "Gute Aussichten 2013/1014" im Haus der Photographie in den Deichtorhallen Hamburg ausgestellt.

Gute Aussichten – Junge deutsche Fotografie 2013/2014

Haus der Photographie in den Deichtorhallen Hamburg, bis 23. März 2014
http://www.deichtorhallen.de/index.php?id=388

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