Colombo Art Biennale - Sri Lanka

Unter der wunderschönen Oberfläche kocht es

Fast unbemerkt von der globalen Kunstbetrieb reifte in Südostasien eine weitere Biennale heran: In der Haupstadt von Sri Lanka überzeugte die dritte Auflage der Colombo Art Biennale.

Im Umfang und Anspruch ist dieses Event weit entfernt von den meisten bekannten Großprojekten – nicht nur, weil sich der kleine Inselstaat im Schatten Indiens in der Randlage unserer Wahrnehmung befindet.

Die Szene hier ist mehr als überschaubar, das Interesse an Gegenwartskunst kaum entwickelt, und erst vor weniger als fünf Jahren endete in dem Land mit immerhin 20 Millionen Einwohnern einer der blutigsten Bürgerkriege der Region. Seit 1983 spielten sich auf dem idyllischen Eiland unfassbare Massaker zwischen den separatistischen Tamilenkommandos des Norden und der Regierungsarmee ab, die erst 2009 endeten und eine zutiefst traumatisierte Bevölkerung zurückließen. Der Weg in den Frieden ist lang und flankiert von harten staatlichen Maßnahmen, die durchaus totalitäre Züge tragen.

Bügeln vor Regierungsgebäuden

Öffentlich sind Diskussionen über die grausame Vergangenheit kaum erwünscht. Insofern ist das Thema, das sich die Biennale-Macher verordneten, ein sehr mutiger Schritt: "Making History" lautet das Motto, unter dem sie über 50 Künstler einluden. In den meisten der hier gezeigten Arbeiten geht es tatsächlich um die Folgen von Gewalt und Krieg, um die schwere Rückkehr in den Alltag und um die ethnischen, ideologischen und religiösen Gräben, die sich unsichtbar durch das Land ziehen. Leichte Kost ist das nicht. "Unter der wunderschönen Oberfläche kocht es", erklärt Annoushka Hempel, Galeristin in Colombo sowie Direktorin und Gründerin der Biennale. "Besonders stolz bin ich auf die einheimischen Künstler. Für sie war das Event in erster Linie gedacht, als lang vermisste Möglichkeit zum Austausch." In der Tat waren es besonders die Arbeiten der Sri-Lanker selbst, die dem Ganzen Seele und Substanz gaben – und das obwohl mindestens die Hälfte der Kreativen aus dem Ausland kam: Schweden, Khatar, China, Italien, Schottland. Sogar eine exzellente Rosemarie Trockel-Ausstellung war im örtlichen Museum für Wirtschaftgeschichte zu sehen. In der quirligen Metropole wirkte die gut choreographierte Schau fast ein wenig zu professionell und elegant, eine klimatisierte Oase.

Der Schwerpunkt des Geschehens jedoch lag auf der unmittelbaren Region: So setzten der Bangladeshi Mahbubur Rahman und bekannte Inder wie TVSantosh oder Rakhi Peswani auf großen Material- und Technikaufwand, häufig im Stile westlicher Größen wie Ernesto Neto, und verharrten mit derlei Mimikry im Beliebigen. Weit weniger augenfällig und handwerklich ausgereift, dabei aber authentischer kamen die Arbeiten vieler hier ansässiger Künstler daher. So überzeichnete Pala Pothupitiye geografische Karten seines gebeutelten Landes mit politisch gefärbten Zeichnungen. Er stammt aus einer traditionellen Familie von Tänzern und Maskenherstellern und bezieht diese Techniken in seine fantasievollen, filigranen Kartografien mit ein. Ebenso überraschend die Performancedokumentation seines Kollegen und Landsmanns Bandu Manamperi: Als "Iron Man" stellte er sein Bügelbrett vor Regierungsgebäuden der Haupstadt auf und glättete dort öffentlich, mit nacktem Oberkörper, seine Hemden. Fast jeder Einwohner kann diese Symbolik des forcierten Abbügelns von unliebsamen Erinnerungen verstehen und von oberflächlicher Perfektion verstehen.

Im Gewand trügerischer Heiterkeit kam auch Pradeep Thalawattas Fotopanorama "Roadscape" daher, in dem sich der Künstler in einem bizarren Hemd inmitten von Straßenbaustellen inszenierte. Diese Straßen wurden nach dem Bürgerkrieg ohne Rücksicht auf Verluste schneisenartig nach Norden, Richtung Tamilengebiet, gebaut – Siedlungen, Hütten, alte Temple und Schreine mussten dieser Maßnahme weichen. Wie ein trauriger Clown zeigt Thalawatta, wie Regionalgeschichte einfach ausradiert wird. Die Trauer über den Verlust von Erinnerungen bildet auch Anoli Perera mit ihrem Video-Schrankobjekt "Memory Keeper" ab, wo textile Handarbeiten und benutzte Teetassen aus einem Schränkchen hervorquellen.

Der unerwartete glückliche Zufall

Solche Arbeiten, in denen sich Regionalgeschichte, vielleicht auch Folklore mit ernsthaften Inhalten verbinden, machten die Stärke dieser Ausstellung aus. Dabei überdeckten kritisches Sendungsbewusstsein und politische Botschaft bisweilen die künstlerische Form, wie in den Interviewdokumenten von Radhika Hettiarachchi. In ihren "Herstory Archives" zeichnet die studierte Kommunikationswissenschaftlerin die Erlebnisse von Dorfbewohnerinnen im Norden auf, die seit 1983 von Gewalt, Verlust und Armut bestimmt sind. Kunst ist das wahrscheinlich nicht, aber immerhin ein bewegendes Zeugnis sri-lankischer Gegenwart, die momentan noch nicht von Geschichte zu trennen ist.

Im Orbit dieses nationalen Dilemmas bewegte sich auch das zeitgleich stattfindende Theater- und Literaturfestivals "Colomboscope", initiiert von den hier ansässigen britischen, französischen und deutschen Kulturinstituten. Mit zahllosen enorm gut besuchten Lesungen, klugen Vorträgen und außergewöhnlichen Aufführungen an nicht minder außergewöhlichen Locations gelang "Colomboscope" und der Biennale im Schulterschluss etwas, das viele Einheimische wie ein Aufatmen empfunden haben müssen: das Herstellen von kultureller Normalität mit einer gehörigen Prise Weltläufigkeit. Und beleibe nicht alle Beiträge waren von diskursivem politischem Ernst getragen. Ein absoluter Höhepunkt war der zweitägige Auftritt des deutsch-britischen Performancekollekives "Gob Sqad" in dem abgeschabten "Rio Cinema" im Stadtteil Slave Island. Entlang einer festgelegten Choreographie, einem ausgeklügelten Zeitplan und wackeligen Handkameras ergründeten die vier Protagonisten die Nachbarschaft und zeigten die Resultate ihrer kommunikativen, einstündigen Exkursionen direkt danach einem begeistern lokalen Publikum. Gewohnt gekonnt auf dem schmalen Grat zwischen Theater und künstlerischer Performance balancierend, nahm "Gob Sqad" das Dilemma zugereister Künstler in exotischen Weltgegenden aufs Korn:"Keiner braucht uns hier. Aber wir wollen das ändern. Wir installieren einen Superhelden für Colombo, der sich der örtlichen Probleme annimmt." Dass der Held scheitert, ist programmiert, denn die Einwohner des Viertels brauchen weder Hilfe, noch mögen sie über ihre Probleme sprechen. Trotzdem kommt es jede Nacht zu wunderbaren, unkalkulierbaren Szenen und Begegnungen. Der unübersetzbare englische Begriff "Serendipity", des unerwarteten glücklichen Zufalls, hat hier Regie geführt. Das ist kein Wunder, stammt das Wort doch direkt von einer alten Bezeichnung des Königreichs Sri Lanka ab, nämlich von "Serendib".

Für Biennale, "Colomboscope" und deren Besucher schienen "Serendipity"-Erlebnisse zum Programm zu gehören – trotz oder gerade wegen der traumatischen Hintergründe vor Ort.