Philip Guston - Hamburg

Unbeirrbarer Geschichtenerzähler

Die Derbheit täuscht: Eins von Philip Gustons Themen war Verletzlichkeit.

Die späten Bilder von Philip Guston sind eine Zumutung: wulstige an Klumpen aus rohem Hackfleisch erinnernde Zyklopenköpfe, die weder Mund noch Nase haben und einander einäugig fixieren.

Haarige Comic-Beine, die auf einer Backsteinmauer ihre genagelten Schuhsohlen präsentieren. Darüber schwingt eine Hand eine Peitsche. Ein Männlein mit Ku-Klux-Klan-Kapuze, das sich mit viel zu großen Händen selbst porträtiert. Motive, die verstören. All das ist grob gemalt, die Farben erinnern an Gedärme und Couperose.

Guston, der 1913 als Philip Goldstein in Montreal geboren wurde, war das jüngste von sieben Kindern einer jüdischen Familie aus Odessa, die 1905 nach Kanada ausgewandert war und 1919 nach Los Angeles zog. Der Vater musste sich als Lumpensammler durchschlagen. Er erhängte sich im Schuppen. Philip, der ihn fand, war damals zehn oder elf Jahre alt. Über seine Kindheit sprach Guston, der 1980 in Woodstock starb, nie wieder.

Karriere machte Guston mit abstrakten Gemälden. In den fünfziger und frühen sechziger Jahren galt er als einer der bedeutendsten Vertreter des Abstrakten Expressionismus. Dann kam die Krise. Der Vietnamkrieg bewegte die Gemüter, und Guston kam es plötzlich absurd vor, sich mit Themen wie Transzendenz und perfekter Farbabstimmung zu befassen. Zwei Jahre lang kehrte er der Malerei den Rücken – um schließlich mit etwas völlig Abwegigem die Kunstwelt zu schockieren: figürlicher Malerei. Bildern, die derb ausgeführte Wesen und Dinge des Alltags zeigen, statt allein auf Pinselgeste und Farbklang zu setzen, waren damals etwas Unerhörtes. Eine Guston-Ausstellung 1970 in der New Yorker Marlborough Gallery geriet zum Desaster, der Künstler wurde als Primitivling verspottet.

Guston ließ sich nicht beirren. "Ich habe diese ganze Reinheit satt! Ich will Geschichten erzählen", schrieb er an den Schriftsteller Bill Berkson. Die Stärke seiner späten Bilder besteht aber vor allem darin, dass Guston Geschichten nicht zu Ende erzählt. Meist kann man gar nicht sagen, worum es in den Bildern eigentlich geht. Man ahnt jedoch, dass diese Kunst von Verzweiflung handelt, manchmal auch von Glück, vor allem in den kleinen Formaten, auf denen banale Gegenstände zu sehen sind: ein Kaffeebecher, auf dem ein Schmetterling sitzt, ein Hinterkopf, eine Glühbirne. Schlichte Bilder von stiller Größe.

Die großen Formate hingegen strahlen häufig eine enorme Kraft und Unmittelbarkeit aus, was unter anderem daran liegt, dass die Motive direkt aus dem Bild nach vorne zu kippen scheinen. Aber auch an der betont ungelenken, ins Comichafte tendierenden Malweise, die auf seltsame Weise anrührt. Das Ku-Klux-Klan-Männlein ist er selbst, und auch das Porträt eines schlafenden Obdachlosen, der mit drahtigen Haaren unter einer blutroten Decke kauert, zeigt den Maler. Es ist eines der berührendsten Selbstporträts der Kunstgeschichte.

Philip Guston. Das große Spätwerk

Hamburg, Deichtorhallen/Sammlung Falckenberg
22.2.–25.5.

Gegen Vorlage ihrer artcard erhalten unsere Abonnenten ermäßigten Eintritt. Der Katalog ist bei Strzelecki Books erschienen und kostet in der Ausstellung 26 Euro
http://www.deichtorhallen.de/index.php?id=380

Mehr zum Thema auf art-magazin.de