Steve McQueen - Los Angeles

HOLLYWOOD VERNEIGT SICH VOR DER BILDENDEN KUNST

Mit "12 Years a Slave" hat Steve McQueen seit langem den ersten wichtigen Film über eines der dunkelsten Kapitel in Amerikas Geschichte gedreht: die Sklaverei. Und dabei alle Klischees vermieden. Es könnte der erste Oscar der Filmgeschichte für einen schwarzen Regisseur werden.

Dass bildende Künstler mit Geld aus Hollywood Kinofilme drehen, ist seit den neunziger Jahren und Cindy Sherman oder Robert Longo nichts Neues.

Auch dass sie auf großen Festivals Preise einheimsen, gab es in den letzten Jahren bereits mit Shirin Neshat oder Julian Schnabel. Nun aber ist mit dem Briten Steve McQueen zum ersten Mal ein bildender Künstler mit einem auch kommerziell erfolgreichen Film der heiße Oscar-Favorit. Das verspricht für den 3. März gleich zwei längst fällige Premieren: die offizielle Verneigung der amerikanischen Filmakademie vor den kreativen Ideen der Kunst. Und den ersten Oscar der Filmgeschichte für einen schwarzen Regisseur.

Niemand hätte diese Anerkennung mehr verdient als Steve McQueen, der mehrfach preisgekrönte große Einzelgänger der Medienkunst. 1969 in London geboren und wegen nicht diagnostizierter Lernschwäche vorzeitig von der Schule genommen, studierte der Sohn von Einwanderern aus der britischen Karibik erst Malerei, dann Film an zwei wichtigen Londonder Kunsthochschulen, ehe er ab 1993 mit Filmwerken bekannt wurde, die von Anfang kompromisslos technische Perfektion, inhaltliche Radikalität und ästhetischen Minimalismus koppelten. Eigenschaften, die in ihrer distanzierten Gefühlkühle auch seine bisher drei Kinofilme "Hunger", "Shame" und jetzt "12 Years a Slave" auszeichnen. Obwohl es in allen drei Filmen um emotional und politisch hochexplosive Themen geht – Terrorismus, Sexualität, Sklaverei –, bleibt Regisseur McQueen immer auf Abstand, verweigert als scharfer Beobachter fast jeden sentimentalen Effekt und erfindet dennoch visuelle Lösungen, die es so im amerikanischen Erzählkino noch nicht gegeben hat.

Deshalb trifft es auch nicht zu, wenn er in Interviews zwischen seiner Kunst und dem Kino unterscheidet und behauptet, seine Spielfilme erzählten Geschichten, während die Kunst immer abstrakt bliebe. Auch wenn viele seiner künstlerischen Kurzfilme nur schwierig zu erklären sind, bleiben Haltung und Konsequenz in Kino und Kunst unverkennbar die seinen, alle Themen kehren leitmotivisch wieder. Darunter körperliche Identität, politischer Missbrauch, Gewissensnotstand, physische Gewalt, Erniedrigung des Individuums. Eine all diese Punkte zusammenfassende, in ihrer Komplexität beispielhafte nicht-filmische Arbeit ist die ab 2007 von ihm produzierte, doch niemals von der britischen Post akzeptierte Briefmarken-Serie "Queen and Country" mit fast 200 Porträts aller im Irak-Krieg gefallenen britischen Soldaten. Eine konzeptuelle, visuell starke, emotional erschütternde und dennoch in ihrer Präsentation formal nüchterne Installation, heute Besitz des Londoner Imperial War Museum.

Schon in seinem ersten Kurzfilm "Bear" von 1993, in dem zwei nackte farbige Männer, einer davon der Künstler, miteinander ringen, ging es McQueen um Verstöße gegen rassistische und sexuelle Vorurteile. Auch "Just Above My Head" (1996) oder "Exodus" (1997) kann man durchaus als Metaphern für das Leben der Schwarzen in England sehen. Ganz offensichtlich wird diese Problematik nach dem Gewinn des Turner Prize 1999 in Filmen und Videos wie "Western Deep" (2002) oder "Gravesend" (2007), in denen McQueen in scheinbar kühl dokumentarischer Anprangerung die Arbeitsbedingungen afrikanischer Arbeiter in Gold- oder Coltan-Minen behandelt.

Genau dieses Inschutznehmen von Opfern prägt auch McQueens ersten Kinofilm "Hunger" (2008), die bestürzend realistische Rekonstruktion des Hungerstreiks des nordirischen Terroristen Bobby Sands in einem Gefängnis der Engländer. Es wird keinerlei politisches Urteil gefällt, nur Unerträgliches gezeigt, vor allem der körperliche Verfall des Protagonisten. Die eindringlichste Szene, ein aufwühlendes Gespräch zwischem dem bereits dramatisch abgemagerten Sands und einem katholischen Priester, dauert fast 20 Minuten und ist mit statischer Kamera, ohne jeden visuellen Kniff, gedreht.

In "Shame" (2011), dem Porträt des sexbesessenen New Yorkers Brandon, werden dessen tagtägliche Abenteuer im urbanen wie im privaten Raum ebenfalls kühl analysiert, mit einer präzisen, minimalistischen Kamera, welche die emotionalste Szene des Films – einen Auftritt der singenden Sissy, Brandons fragiler Schwester – formalisiert, indem sie nur Sissys Mund zeigt, in Großeinstellung. Leider enttäuschend das Ende des Films, wenn McQueen nach dem Selbstmord der geliebten Schwester zu christlicher Ikonographie greift und die visuelle Kontrolle verliert – ein Fehler, der ihm im neuen "12 Years a Slave" nie passiert.

Dieser, der im Vorfeld der Oscars viele wichtige Preise wie die Golden Globes oder die britischen Baftas abräumte, ist der erste Schritt eines Künstlers in den kommerziellen Mainstream und das Starsystem Hollywoods, ohne auf Genres wie Horror, Krimi oder Science Fiction zurückzugreifen. Dafür aber ein historischer Kostümfilm, und damit ein besonders hohes künstlerisches Wagnis. Produziert von Brad Pitt, der auch eine – kleine – Rolle spielt, zeigt das Werk jedoch immer wieder in entscheidenden Augenblicken, wie McQueen die großen Gefühle des Kinos durch erfinderische Tricks abzukühlen versteht. Keine Überwältigungsästhetik, sondern kluge Dosierung künstlerischer Mittel. Etwa, wenn das stampfende Rad eines – normalerweise als nostalgisch verklärten – Mississippi-Dampfers den entführten Solomon Northup brutal von seiner Existenz als freien Mann und Familienvater abzuschneiden scheint. Oder wenn in einer unerträglichen Auspeitsch-Szene die auf einer Steadycam montierte mobile Kamera immer wieder um die vor Schmerzen schreiende Sklavin Patsey kreist.

McQueen hat den seit langem ersten – so unglaublich es klingt – wichtigen Film über eines der dunkelsten Kapitel in Amerikas Geschichte gedreht: die Sklaverei. Und dabei alle Klischees vermieden. Sogar den sonst häufig mit Gefühlsschmalz dröhnenden Filmkomponisten Hans Zimmer, neben Roland Emmerich das zweite "vergiftete" Geschenk Deutschlands an Hollywoods Filmindustrie, bekommt er in den Griff – nur sparsam eingesetzte Musik treibt den Film voran, anstatt ihn in Klangfluten zu ersäufen. Ähnlich wie in Shame erlaubt sich McQueen nur in der letzten Einstellung von "12 Years a Slave" Gefühl, doch dieses Mal bleibt er visuell bei sich und verzichtet auf effektvolle Klischeebilder. Wieder geht es um das Konzept des Verzeihens, christliches Vermächtnis im Werk des mit Lebensgefährtin und Tochter in Amsterdam lebenden Künstlers, der in seinen Werken hinter aller formalen Gelassenheit immer wieder moralische Fragen aufwirft, ohne moralistisch zu werden.

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