Pawel Althamer - New York

Kongress der Seelensucher

Er leitet seit Mitte der neunziger Jahre einen Bildhauer-Workshop für an multipler Sklerose erkrankte Patienten: Kunst hat für den Bildhauer und Aktionskünstler Pawel Althamer auch einen sozialen Auftrag. Im New Museum in New York zeigt der polnische Künstler jetzt bei seiner ersten Solo-Ausstellung in den USA Skulpturen und Filme.
Malen mit Althamer:tief in der Mitmachkunst

Pawel Althamer bei der Ausstellungseröffnung im Februar im New Museum

Mit seinen Warschauer Nachbarn verwandelt Pawel Althamer einen Park in der Plattenbausiedlung Bródno in einen Skulpturengarten.

Er arbeitet mit Obdachlosen, kriminellen Jugendlichen oder Immigranten, die er aus ihrer isolierten Rolle am Rande der Gesellschaft löst. Jetzt lädt er mit "Draftsmen’s Congress” die New Yorker dazu ein, sich mit Kreide, Farbe und Pinseln an den Museumswänden auszutoben. Althamer ist während der Dauer der Ausstellung im Museum vor Ort, um zu arbeiten und Workshops durchzuführen. Claudia Bodin zog den Kittel an und malte mit.

art: Herr Althamer, was bedeutet Kunst für Sie?

Pawel Althamer: Ich denke, das Indianerzelt in der Mitte dieses Raumes ist der Schlüssel dazu, wie ich Kunst auffasse. Es ist eine Art der Kommunikation. Ein Weg, Menschen zusammenzuführen.

Dazu gehören offensichtlich auch Konfikte, die an diesen Wänden ausgetragen werden, indem die Leute die Werke anderer übermalen.

Auf jeden Fall. Hier kann man Konflikte ausdrücken, ohne jemanden umzubringen. Man kann lediglich Egos töten. Und das passiert. Sehen Sie sich diese Stelle an, an der jemand die Arbeiten von jemand anders großflächig übermalt hat. Für mich sieht es so aus, als ob er dabei einen Regenbogen kreiert hätte. Ordnung und Chaos existieren nebeneinander. Die Menschen schreiben in großen Lettern, sie malen, drücken finstere Gedanken aus. Sie geben Erklärungen ab. An einem Tag übermalte eine junge Frau alles, was Massimiliano Gioni gemacht hatte. Dass er die Ausstellung kuratiert hatte und das Museum leitet, wusste sie nicht. Oder sehen Sie sich die Dollar-Zeichen an der Wand an. Die stammen von einem Freund von mir, der mit der Occupy-Museum-Bewegung arbeitet.

Die hat gerade im New Yorker Guggenheim Museum gegen die unmenschlichen Umstände auf der Baustelle der geplanten Zweigstelle in Abu Dhabi protestiert. Waren Sie dabei?

Ich habe nicht mitgemacht. Ich besetze keine Museen auf diese Weise. Grundsätzlich streite ich nicht mit Institutionen. Ich glaube nicht, dass Streit meine Art der Kommunikation ist. Es ist zu einfach und so gar nicht spannend.

Aber Sie rütteln an einer Institution wie dieser, indem Sie die Besucher zum Mitmachen animieren, Obdachlose zum Workshop einladen oder Straßenmusiker im Foyer auftreten lassen.

Dies ist ein Ort der Akzeptanz. Der freien, spontanen Interventionen. Es gibt keine Auswahl und keine Kritiker. Bevor ich arbeite, komme ich hierher. Ich nehme die Energie in mir auf. Ich bin mir sicher, dass wir mit diesem Projekt fortfahren werden, nicht nur in Museen. Ein Ort wie dieser wäre in vielen Städten in Form eines öffentlichen Platzes nutzvoll.

Wie steht es um das Park-Projekt, an dem Sie mit Nachbarn in ihrer Heimatstadt Warschau arbeiten?

Sehr gut, ich habe heute die Nachricht erhalten, dass Ai Weiwei mit einem Projekt für den Park beginnt. Der Skulpturen-Park ist eine andere Version des "Draftsmen’s Congress”.

Wie fand der "Zeichner-Kongress”, den Sie zum ersten Mal 2012 in Berlin veranstalteten, seinen Anfang?

Ich habe etwas in dieser Art mit Kindergarten-Kindern in Warschau gemacht und herausgefunden, dass dies zum Programm gehören sollte. Mein jüngstes Kind ist fünf Jahre alt und im Kindergarten. Der älteste, mein Sohn Bruno, besucht die Kunstschule – ich kenne also das volle Spektrum. Kinder sind von Natur aus sehr kreativ und offen. Das verändert sich früh, wenn sie beurteilt und kritisiert werden. Viele hören auf, spontan Kunst zu machen. Das Indianerzelt in diesem Ausstellungsraum stellt den geschlossenen Raum dar, den wir in unserer Kindheit in der Wohnung unserer Eltern kreieren, indem wir Höhlen bauen. Das Innere ist wichtig für die Kommunikation und bei der Suche nach der eigenen Identität. Anstelle des Zeltes stelle ich mir den Körper vor. Der Körper ist ein Tempel und ein Ort, an dem man Inspiration findet.

Also hilft einem die künstlerische Arbeit bei der Seelensuche?

Absolut, um tiefer zur Seele vorzudringen.

Ihre Ausstellung trägt den Titel ”Nachbarn”. Meinen Sie nicht, dass die vielen Obdachlosen in der Nachbarschaft des New Museum Kunst als Mittel der Heilung als zynisch empfinden könnten?

Die schwierige Frage lautet, sollte ich ihnen helfen oder sie so akzeptieren, wie sie sind? Kunst funktioniert für mich persönlich. Wann immer ich einen Konflikt austrage oder ein Problem habe, male ich oder suche nach Wegen, eine Skulptur zu machen. Die Arbeiten beziehen sich nicht direkt auf den Konflikt. Aber es funktioniert fantastisch für mich, es hält mich ausgeglichen.

Arbeiten Sie deshalb so häufig an Selbstporträts?

Sie sind das Ergebnis. Ich suche nach mir selbst, nach Ausgewogenheit. Und arbeite mit mir selbst. Mit meinem Körper und meiner Seele. Ich halte das für eine sehr empfehlenswerte Methode.

Die Skulptur Guma, die einen Obdachlosen aus Ihrer Heimat darstellt, fertigten Sie mit einer Gruppe von Jugendlichen. Wie laufen solche gemeinschaftlichen Projekte ab?

Es handelt sich um sehr problembeladene Jungs, mit denen ich zuvor an einem Projekt gearbeitet hatte. Zum Abschluss organisierten sie sich einen Wagen und klauten die Computer aus dem Haus eines Lehrers. Diese Jungs trauen niemandem. Guma war jedoch ein großer Erfolg für mich. Die Idee, dem Obachlosen eine Skulptur zu widmen, kam von den Jungs. Er war von der Gesellschaft verstoßen. Man konnte zusehen, wie er auf der Straße starb. Die Arbeit an dem Projekt hat viel Zeit in Anspruch genommen, weil ich ständig auf die Jungs warten musste. Oftmals tauchten sie gar nicht auf oder standen einfach im Atelier herum und rauchten. Aber für einige von ihnen hatte die Skulptur Bedeutung. Sie waren stolz darauf. Einige Utopien sehen real aus, wenn man es darauf ankommen lässt.

Auf einer der Museumsetagen vesammeln Sie die geisterhaften Venezianer, die Sie für die Biennale in Venedig kreiert hatten. Ist Maurizio Cattelan, der für Sie Modell stand, unter den Untoten?

Ich habe ihn nicht gesehen. Für den Sammler Dakis Janou habe ich Maurizio Cattelan als großen Vogel dargestellt. Maurizio sagte mir, dass er ein Storch, der Botschafter der guten Nachrichten, sein wollte. Jeff Koons wollte ein Buddha sein. Jeffrey Deitch erzählte mir, dass sein Großvater Rabbi in Polen war, also habe ich ihn als Rabbi dargestellt.

Und was stellten Sie mit sich selbst an?

Ich arbeitete damals im Berliner Guggenheim und traf diese jungen Neo-Nazis auf der Straße, die wie Soldaten herumliefen und Unterschriften sammelten. Die Schatten der Vergangenheit sind sichtbar. Also machte ich ein Porträt von mir selbst als Nazi. Ein nachdenklicher Soldat auf der Suche nach sich selbst.

Pawel Althamer: The Neighbors

New Museum, New York
bis 13. April
http://www.newmuseum.org/exhibitions/view/pawel-althamer

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