Alex Katz - Paris

Alter Meister, nicht altmeisterlich

Mit ihren knalligen Farben, kühnen Bildausschnitten und jungen Models erinnern die Bilder von Alex Katz an die moderne Werbeästhetik – dabei enwtickelte er seinen Stil bereits vor einem halbes Jahrhundert. In Paris widmet die Galerie Thaddaeus Ropac dem Amerikaner nun eine große Überblicksschau über 45 Jahre Porträtmalerei.

Betrachtet man die heute so erfolgreichen Bilder des New Yorker Malers Alex Katz zum ersten Mal, könnte man meinen, die großen Formate mit schönen, meist jungen Menschen, schnell gemalt in Farben wie Gelb, Orange oder Hellblau, mit kühnem Bildausschnitt und viel Gefühl für modische Kleidung, spiegelten perfekt unsere heutige Epoche eleganter Werbeästhetik wider.

Weit gefehlt – Katz, Jahrgang 1927, hat noch nie Zeitgeist imitiert, der Zeitgeist imitiert Katz. Katz malte in seinen Ateliers in Maine und New York schon gegenständlich und in einem ganz persönlichen Stil gepflegter Oberfläche, während Minimal, Fluxus oder Konzeptkunst die Malerei für tot erklärten. Und die Jungen Wilden der achtziger Jahre noch in den Kindergarten gingen.

Katz hat mit deutlich mehr stilistischen Vorgaben gebrochen, als man glauben möchte, und gerade aus diesen Brüchen besteht sein Stil. Aufgabe jedes logischen Bildaufbaus, Wegfall der Perspektive, Verzicht auf dreidimensionale Raumeffekte, radikaler Bildausschnitt. Letzteren hat er im Kino gelernt, in der großen Epoche von Cinemascope und Weitwinkeloptik. "Mein Problem als Maler war, dieses verflixte Rechteck aufzubrechen, das die Leinwand nun mal ist, und deshalb waren die ersten wirklich interessanten Filme für mich Western, weil sie Weitwinkelobjektive und Breitwand benutzten. Und die meisten meiner gemalten Porträts stammten damals von Großaufnahmen im Kino ab. Kino lehrte mich den richtigen Bildausschnitt, Kino und Werbeplakate. Erst viel später ging auch das Fernsehen dazu über, Großaufnahmen enger zu cadrieren, was die Einstellungen aggressiver machte. Es transportierte die Darsteller geradewegs ins Wohnzimmer hinein."

Was wir heute aus dem Fernseher gewohnt sind, hat Katz schon vor einem halben Jahrhundert gemalt. Und wie wenig gerade seine Porträts auch inhaltlich mit oft bemühten Kriterien wie Charakter, Nationalität, Epoche, gesellschaftlichem Status oder Geschlechteremanzipation zu tun haben, zeigt zur Zeit eine große Ausstellung in den Räumen von Kunsthallenformat der Galerie Ropac am östlichen Stadtrand von Paris. Rund 50 Ölbilder und auf Holz oder Aluminium gemalte, dreidimensionale Cutouts, ausschließlich Individuum-, Paar- und Gruppenporträts, bevölkern pünktlich zum Frühlingsanfang locker und heiter die lichten Räume und eliminieren jede Spur von politischer oder kunsthistorischer Epoche – unmöglich zu sagen, wann was gemalt wurde. Eine ganze Serie von Frauenporträts aus dem letzten Jahr hängt neben Bildern seines Lieblingsmodells, seiner Frau Ada, aus den frühen siebziger Jahren; die gewaltige, sechs Meter breite Gruppenchoreographie "Private Domaine" von 1969, aus der Zeit der Kooperation mit der Tanztruppe von Paul Taylor, kommuniziert mit dem ebenso großen Wandbild von 2010, das jeweils neun lässig an die Wand gelehnte Frauen im kleinen Schwarzen zeigt.

Besonders verwirrend, was die Chronologie angeht, sind nebeneinander hängende Version identischer Motive, zwischen denen oft ein Vierteljahrhundert liegt. So malte Katz 1964 seinen Künstlerfreund Alain Jaquet in "Laure und Alain" und nimmt das Motiv, identisch in Bildausschnitt und Farbgebung, 1991 mit minimalen Änderungen, vor allem in Hauttönen und Schattengebung, wieder auf. Möglich wird das durch seine Arbeitsweise, auch früheste, auf kleinem, meist kartonfestem Untergrund skizzierte Zeichnungen zu behalten. Diese Zeichnungen werden dann auf großformatige Papierbögen und anschließend auf die Leinwand übertragen – einen Diaprojektor gibt es nicht im Hause Katz.

Fast alle Gemälde leben von der Spannung zwischen den präzise getroffenen Gesichtszügen und einem monochromen, fast abstrakten Hintergrund. Andere Dramatik gibt es keine, weder Stimmungswechsel noch seelische Abgründe. "Ich interessiere mich nicht für Psychologie in der Malerei", sagt Katz. "Ich will nur Bilder." Bilder, die in einer langen Tradition malerischer Perfektion stehen, in der es um Stil geht, nicht um Inhalt, und die deutlich mehr mit Henri Matisse oder Pierre Bonnard zu tun haben als mit der Pop Art, zu welcher der New Yorker oft gezählt wird.

Künstlerisch gereift im New York der fünfziger Jahre, stand Katz von Anfang an dem älteren De Kooning näher als seinen Altersgenossen Warhol, Lichtenstein oder Wesselmann. Er malte elegante Menschen aus dem engeren Bekanntenkreis mit viel modischem Feingefühl, kam aber selbst erst jenseits der Fünfzig in Mode. In Deutschland durch regelmäßige Ausstellungen der Galerien Klüser und später Jablonka sowie das Engagement treuer Sammler wie der Brandhorsts, auf das in den letzten 15 Jahren zahlreiche Museumsausstellungen folgten. In Frankreich später, durch Thaddaeus Ropac, der ihn ab 1998 regelmäßig zeigt und nun mit dieser musealen Porträt-Ausstellung und einem begleitenden Katalog ehrt. Alex Katz, 87 Jahre jung, drahtig und mit feinem Humor jedes Kompliment erwidernd, hat es sichtlich genossen.

Alex Katz – 45 Years of Portraits

Galerie Thaddaeus Ropac, Paris-Pantin, bis 12. Juli 2014
http://ropac.net/