Pietro Roccasalva - Köln

Durch die Gehirnwindungen

Bei der Venedig-Biennale 2009 hatte Pietro Roccasalva einen großen Auftritt, jetzt ist er zum ersten Mal in Deutschland zu sehen. art-Autorin Gesine Borcherdt über einen Künstler, der gerne spielerische Rätsel baut.

Vielleicht sind die besten Ausstellungen solche, bei denen man erst hinein, dann wieder hinausgeht, einigermaßen verwirrt die "Delete"-Taste im Kopf drückt und noch einmal ganz von vorne anfängt.

Vor dem Kölnischen Kunstverein dürfte also in diesen Tagen ein reges Kommen und Gehen herrschen. Denn wer Pietro Roccasalvas seltsames Werk begreifen will, muss durch ein Labyrinth, in dem keine der üblichen ästhetischen Wegweiser wie Schock, Schönheit oder Smartness die Richtung angeben. Vielmehr mäandert man wie durch die Gehirnwindungen von einem, für den die Welt ein einziges Spiegelkabinett ist; ein Universum, in dem nur wenige, aber immer wieder dieselben Dinge auftauchen. Oder gerade nicht auftauchen, und eben deswegen präsent sind.

Der gebürtige Sizilianer, Jahrgang 1970, könnte fast als Outsider durchgehen, hätte er nicht an der Mailänder Kunstakademie studiert und schon seit einigen Jahren an diversen Biennalen teilgenommen. Etwas Verschrobenes, Genialisches, "Beautiful Mind"-artiges hat er trotzdem an sich – und avanciert obendrein gerade vom Geheimtipp der Kuratorenbranche zum Most-Wanted-Artist. Was er nun in seiner ersten Einzelausstellung in Deutschland zeigt, mit dem der neue Direktor des Kunstvereins, Moritz Wesseler, seinen Einstand als szenefreudiger Jungkurator feiert, ist rätselhaft, spielerisch und kompliziert zugleich.

Angefangen bei der Zitronenpresse. Im Kinosaal des Kunstvereins bekrönt sie statt einer Kuppel die Kirche San Francesco in Como – eine rotierende Computeranimation, zu der fröhliche Marschmusik ertönt. Giocondità heißt die Arbeit; eine Anspielung auf "La Gioconda", dem Beinamen der Mona Lisa, der soviel bedeutet wie "Die Heitere" – und wohl kaum zufällig auf den Nachnamen der Kaufmannsgattin anspielt: del Giocondo. Überträgt man dieses Matrjoschka-Prinzip auf Roccasalva, der den Hauptausstellungsraum in eine Abfolge aus Kabinetten verwandelt hat, entdeckt man schnell überall im Werk Hinweise auf vorhergehende oder spätere Werke. Il Traviatore etwa ist die gemalte Porträtreihe von Kellnern, die ebenfalls eine silberne Zitronenpresse präsentieren. Wie bei der Giocondità denkt man an die Frucht, ohne sie zu sehen; es geht um Abwesenheit und Assoziation, während die Kellner eine Art Überpräsenz beanspruchen: Die einzelnen Bilder lassen an mittelalterliche Ikonenmalerei denken – nicht nur durch ihre mittige Positionierung samt Darbietung ihrer Requisite, sondern auch durch die teils übergroßen Köpfe: Bevor die Zentralperspektive das Fenster zur Welt öffnete, stellte man sich Christus im selben Raum mit dem Betrachter vor; statt ihn nur frontal zu zeigen, rückten auch die Schläfen nach vorne.

Wenn Roccasalva dieses Prinzip übernimmt, demonstriert er zwei Dinge: Erstens, dass er nicht an zeitliche Verläufe glaubt, sondern an die Verschränkungen der Dinge ineinander. Es ist fast schon ein kubistisches Verfahren, mit dem er Anachronismen wie selbstverständlich ausradiert. Kirche und Zitronenpresse geht schließlich genauso wenig zusammen wie Kellner und Ikone. Zweitens betont Roccasalva mit seinen Porträts, dass in seinem Kosmos die Malerei im Zentrum steht, um die alle anderen Disziplinen kreisen. Ähnlich wie Leonardo, der in seinem "Paragone" das Auge als feinsten aller Sinne ansah, ist sie für Roccasalva zugleich auch Sinnbild für die Ambivalenz, Zeit und Bewegung einzufrieren – und damit Ambivalenzen und Deplatzierungen zuzulassen. "Die einzige Chance für die Malerei ist, ihre Kraft des Scheinbildes – des Simulacrums – wiederzuerlangen", hat der Künstler denn auch einmal mitgeteilt. Versteht man das Simulacrum als Spiegelbild, das Dinge vorstellt, die ihm verwandt sind, sei es aus der Realität oder Fantasie, landet man schnell bei Jacques Lacans Idee des Spiegelstadiums – dem reziproken Prozess zwischen Sehendem und Gesehenem, kurz: Was wir sehen, blickt uns an. Roccasalva greift diesen Gedanken auch durch die Dopplung einer Neonschrift auf: "You never look at me from the place I see you" ist über zwei Zeilen dargestellt, einmal gespiegelt und einmal korrekt – und dann das ganze noch einmal im Kabinett gegenüber. Im Hauptraum geht es derweil wieder um Absenz: Hier sind weiße Marmortafeln wie Grabplatten an der Wand befestigt, die auf die Beteiligungen des Künstlers an Gruppenschauen verweisen. Doch wo der Name Roccasalvas eingraviert sein müsste, ist nur eine Leerstelle sichtbar. Che cosa sono le nuvole – Was sind die Wolken, fragt die Arbeit, und man selbst fragt sich, ob Roccasalva nicht eigentlich ein Phantom ist, der jemand anderen nach Köln geschickt hat, um dort den knallroten Metallzuber in die Ecke zu schieben, dessen Farbe auf den Sonnenball in der Projektion nebenan verweist, während sein verchromtes Pendant als Fragment an einer Ausstellungswand sitzt und – siehe Zitronenpresse – auf den abwesenden Inhalt verweist.

Widersprüche, Wiederholungen, Wahrnehmungsspiele: Roccasalvas Werk ist eine einzige Mise-en-Abyme – seine Bilder und Zeichen wiederholen sich in Bildern und Zeichen, in Malerei, Installationen, Filmen und Performances. Entsprechend präsentiert sich die Schau als Ausschnitt, der ohne den mitgedachten Rest kaum verständlich wird – und auch dann eigentlich nur noch mehr Fragen aufwirft. Roccasalva, der in Mailand lebt aber aus dem Barockstädtchen Modica stammt, überführt die Tradition des Trompe l’Oeil über die Täuschungsmanöver des Surrealismus in die Trickkiste der Konzeptkunst, als deren Anker er wiederum die Malerei versteht: Als Ur-Disziplin des Scheins, die dennoch auf das Sein verweist. Und obwohl man in seinem Werk vor allem Zitate entdeckt – Anleihen an Diego Velazquez, Francis Bacon, Marcel Duchamp und die Konzeptkunst der Sechziger – passt Roccasalva nicht unbedingt in die Schublade der Postmoderne. Sein Ansatz ist nicht "anything goes" sondern eher "to make is to choose", wie schon Duchamp in einem unveröffentlichten Interview behauptete. Vielleicht spannt Roccasalva den Bogen sogar noch etwas weiter zurück: "Viele sind berufen, aber nur wenige sind auserwählt." Auf der Kunstagenda 2014 zählt er auf jeden Fall dazu.

Pietro Roccasalva F.E.S.T.A.

Kölnischer Kunstverein,
bis 23. März
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