Yinka Shonibare - Interview

Die prekäre Natur der Revolution

Der britisch-nigerianische Künstler Yinka Shonibare sprach mit art über seine neue Ausstellung in Berlin.

Making Eden – mit dieser Ausstellung konzentrieren Sie sich auf das Thema der Revolution. Warum?

Als zeitgenössischer Künstler möchte ich Zeitgeist mit meiner Arbeit reflektieren. Wenn man die heutigen Nachrichten einschaltet, gibt es viele Berichte über Syrien und den arabischen Frühling. Aktuelles Weltgeschehen ist häufig Thema in meiner Arbeit. Ich erinnere mich, dass es nicht so viel Nachrichten über den Tod gab, als ich aufwuchs.

Sie suchen nach dem Grund für die ansteigende Gewalt?

Ich wundere mich wirklich, warum diese Gewalt stets aufkommt. Warum Menschen es versuchen und warum Menschen beispielsweise gegen die Macht der Vereinigten Staaten rebellieren? Was sind die wichtigsten Fragen, die man sich stellen muss? Da der Rebell und der Unterdrücker häufig das gleiche wollen. Jeder will für sich diese Idee der Freiheit. Es ist eine Suche nach dem Ideal. Ich würde gerne sehen, wie dieses Ideal tatsächlich aussieht. Aber um diese Utopie zu erreichen, an diesen Ort zu kommen, sind wir bereit, große Opfer zu bringen. So im Fall von bestimmten afrikanischen Ländern wie beispielsweise Simbabwe, in dem Präsident Robert Mugabe zunächst ein vielversprechender Freiheitskämpfer in den achtziger Jahren war, aber jetzt ein Diktator ist.

Welche Lösung schlagen Sie vor?

Es besteht immer die Möglichkeit, die Erlösung durch Schönheit zu erlangen. Künstler hoffen auf etwas Unrealistisches. Wenn ich ein Realist wäre, wüsste ich nicht, ob ich überhaupt ein Künstler sein könnte. Künstler ist einer der irrationalsten Berufe. Dieses Gefühl des Idealismus ist ein roter Faden in meinem Werk. Ich habe auch die klassische Vorstellung von Himmel und Hölle in dieser Ausstellung umgekehrt. Ich möchte ein Gefühl der Freude in die Dunkelheit bringen.

Wie kann ich das in Ihrem Werk sehen?

Zum Beispiel beginnt die Schöpfung mit Adam und Eva. In meiner Arbeit mit den Figuren "Adam und Eva" (2013), die unter dem Baum stehen, arbeite ich mit den Mitteln von Paradox und Widerspruch.
Denn ich betrachte mich als Feministin. Ich glaube nicht, dass Eva aus Adams Körper gefertigt wurde. Das Paradies ist eben konstruiert.

Normalerweise sind Adam und Eva nackt – in Ihrer Arbeit tragen sie exquisite Kleidung in der Mode des europäischen 18. Jahrhunderts. Gefertigt sind sie aus traditionell afrikanischen Stoffen mit Batikmuster, die aber in den Niederlanden hergestellt und dann nach Großbritannien geliefert wurden. Warum?

Es ist nur ein Spiel mit Stereotypen, wegen dieser Stereotypen entferne ich die Köpfe. Ich mache meine Arbeiten im Westen, daher brauche ich mein Publikum hier, um zu kommunizieren. Dafür brauche ich das kollektive Gedächtnis und kollektive Symbole, die von der Mehrheit der Leute erkannt werden kann. Deswegen beziehe ich mich auch auf die christliche Ikonographie, da die eine hohe Erkennbarkeit hat. Meine Arbeit "Ms Utopia" (2013) beispielsweise, begrüßt die Betrachter, wenn sie in den unteren Galeriebereich eintreten. Sie hält jedem einen großen Strauß Blumen gefertigt aus afrikanischem Batikstoff entgegen. Wie als Symbol des Friedens, erscheint sie als Aushängeschild des neu gegründeten "Eden".

Warum ist „Ms Utopia“ eine weibliche und keine männliche Figur?

Weil ich ein fabelhaftes Kleid machen wollte...

In diesem wunderbaren Kleid scheint sie allen Ankommenden ein lockendes und süßes Versprechen zu geben, ähnlich wie in Thomas Mores berühmten Buch "Utopia" aus dem Jahr 1516. Und sie ist nicht kopflos, ihr Kopf ist ein Globus mit Sternenkonstellationen.

Ja, der Kopf wird zu einer Metapher für Neugier. Die Verwendung eines Globus mit Planetenkonstellationen anstatt ihres Kopfes verströmt ein fast traumhaftes Gefühl endloser Möglichkeit.

Aber dann erwartet den Besucher eine Vorahnung auf der ersten Etage?

Ja, der Trickster, er bricht das Versprechen "Utopias" und stellt es in Frage. Das ist die Arbeit "Revolution Kid ( Kalb )" ( 2013). Die Figur bezieht sich auf die Darstellung des Jungen in Eugène Delacroixs Gemälde "Die Freiheit führt das Volk an" (1830). In meiner Arbeit, hält er eine goldene Pistole die eine Nachbildung von Oberst Gaddafis Waffe ist und in seiner anderen Hand hält er ein modernes Blackberry. Das sind Metaphern für die prekäre Natur der Revolution.

Revolutionen der Vergangenheit und Gegenwart ...

Der Aristokrat ist ein Symbol für die Zerstörung der Macht. Es ist ein Bild des Todes. Aber vom Tod geht auch Kreativität aus. So können Revolutionen den Weg für neue Anfänge ebnen. Deshalb ist die rote Farbe des Blutes nicht unbedingt eine rein negative Sache.

Warum beziehen Sie sich in der Mode immer auf den Barock und Rokoko – warum nicht den Empire-Stil der napoleonischen Ära des 19. Jahrhunderts?

Ich bin von diesen Stilen als Künstler angezogen ... Ich existiere in dem Bereich der Dekadenz, und das Rokoko ist Dekadenz par excellence. Es ist ein Spiegelbild der aristokratischen Überflussgesellschaft, der Anhäufung von Reichtum, Macht und Zeit als Folge von Unterdrückung. Ich bin gleichsam von der Aristokratie gezeichnet, wie ich die Aristokratie auch töten möchte.

Warum setzten sie sich immer noch mit diesen historischen Themen auseinander?

Ich frage Sie eine neue Frage. Wenn ich "Apple" oder "Google" sage ...

Ja, diese Worte repräsentieren Machtstrukturen – klar...

Also, würden Sie sagen, dass das menschliche Bedürfnis nach hierarchischen Strukturen sich verringert hat?

Nein, bisher nicht.

Also, dann haben sie nun Ihre eigene Frage beantwortet! lacht

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