Emil Nolde in Frankfurt

Pionier der Landlust

art sprach mit Kurator Felix Krämer über die große Ausstellung von Emil Nolde im Städel Museum, dessen gemalte Utopien und die Begeisterung für Hitler.

Was hat Sie dazu bewogen, ausgerechnet jetzt eine große Nolde-Retrospektive zu zeigen?

Nolde gehört zu den wichtigsten und faszinierendsten Künstlern der Klassischen Moderne in Deutschland. Obwohl es bis in die jüngste Vergangenheit mehrere Nolde-Ausstellungen gegeben hat, fand hierzulande die letzte Retrospektive vor 25 Jahren statt. Vor diesem Hintergrund ist es natürlich besonders reizvoll, einen neuen und frischen Blick auf Nolde zu werfen.

Was macht Noldes Oeuvre heute noch relevant?

Das ist seine Malerei. Bis heute gibt es keinen anderen Künstler, der Ölfarbe so zum Glühen bringen kann, dass die Bilder gleichsam von innen leuchten. Auch Noldes Umgang mit Aquarellfarbe ist unerreicht. Zudem ist die inhaltliche Beschäftigung mit dem Künstler ausgesprochen spannend, denn sie beinhaltet immer eine Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte. Der Grad der Bewunderung, aber auch der Ablehnung, die ihm entgegengebracht wurde – und wird immer noch – zeigt zudem deutlich, welche Kraft in seinem Werk steckt.

Gibt es in Ihrer Ausstellung auch vollkommen Neues zu entdecken?

Ja, wir zeigen mehrere Arbeiten, die seit Noldes Lebzeiten noch nie oder nur in Seebüll ausgestellt waren, und die auch für Fachleute sicherlich eine Überraschung darstellen werden.

[hierbei handelt es sich unter anderem um Abendland, Friesland, Urban 330; Meer bei Alsen, Urban 380; Heiliger in der Wüste, Urban 425; Anmut und Diktator (ein Scherz), Urban 538 und 539; Porträt Hermann Probst, Kat. 103; Badendes Kind, Urban 967; Frühling im Herbst, Urban 1235]

Wie setzen Sie sich mit Emil Noldes Hitler-Begeisterung im Nationalsozialismus auseinander?

Diesen Aspekt behandeln wir in den Wand- und Labeltexten. Eine Vertiefung erfährt das Thema im Katalog, wo wir uns ausführlich damit auseinandersetzen und auch Bezüge zu Noldes Kunst aufzeigen.

Wie stand Nolde zu Hitler und Holocaust nach dem Zweiten Weltkrieg?

Selbstkritische Äußerungen von Nolde sind mir nicht bekannt. Zum Thema Holocaust äußert er sich nicht.

Muss Noldes Stellenwert in der Kunstgeschichte nun neu beurteilt werden?

Fachleuten war schon lange bekannt, dass Noldes Rolle in der NS-Zeit differenziert betrachtet werden muss. Das gilt natürlich gleichermaßen für sein Werk, da man dieses nicht losgelöst vom Künstler betrachten kann. Ich denke, unsere Ausstellung kann Impulse für eine intensivere Beschäftigung geben. Ich bin der Meinung, dass die Gründe für die Ablehnung durch die Nationalsozialisten vor allem auf Noldes enormen Erfolg in der Weimarer Republik zurückzuführen sind – und weniger auf seine Malerei. Als Künstler des intellektuellen Establishments der Weimarer Republik konnte Nolde aus Sicht der Nationalsozialisten nicht gleichermaßen Repräsentant des "Dritten Reiches" sein.

Wie viele Werke zeigen Sie?

Die Ausstellung umfasst insgesamt über 140 Werke, darunter 90 Gemälde. Neben den umfangreichen Leihgaben der Nolde Stiftung Seebüll profitieren wir auch von der Großzügigkeit zahlreicher Privatpersonen und Museen.

Welche sind die Highlights?

Für jedes Werk gibt es seinen besonderen Grund, es in unserer Ausstellung zu zeigen. Insofern ist es schwierig, hier eine Auswahl vorzunehmen. Aber ein Hauptwerk der Präsentation ist sicherlich Das Leben Christi von 1911/12, dem innerhalb der Ausstellung ein eigener Saal gewidmet ist. Das neunteilige Werk hat mit ca. 2 x 6 Metern monumentale Ausmaße und wird nur selten von der Nolde Stiftung Seebüll verliehen.

Wie ist die Schau gegliedert?

Die Ausstellung ist chronologisch gegliedert, wobei wir die verschiedenen Lebens- und Werkphasen in Kapiteln zusammenfassen. So wird es für den Besucher möglich, Noldes künstlerische Entwicklung nachzuverfolgen.

Noldes Bilder üben eine ungeheure Faszination auf viele Menschen aus – warum ist seine Kunst generations- und klassenübergreifend so beliebt?

Ich denke, das hat vor allem mit seiner Kunst selbst zu tun, die viele Menschen ganz direkt anspricht. Anders als die Werke von Max Beckmann, Otto Dix, Karl Hofer oder Ernst Ludwig Kirchner sind Noldes Bilder nicht sozialkritisch. Er hat nicht die Folgen des Ersten Weltkrieges oder die Wirren der Weimarer Republik gemalt. In Noldes Malerei schwingt die Sehnsucht nach einem einfachen, naturnahen Leben mit. Seine Landschaftsdarstellungen sind gemalte Utopien. Dieses gilt – mit ganz wenigen Ausnahmen – für das gesamte Schaffen des Künstlers, das von seinen Inhalten und Bildkompositionen noch ganz dem 19. Jahrhundert verpflichtet ist. Die Farbigkeit und Spontaneität des Pinselduktus verbinden sein Werk mit dem 20. Jahrhundert und der Klassischen Moderne. Eine seltene, sehr populäre Kombination.

Emil Nolde. Retrospektive

Städel Museum Frankfurt
bis 15.6.
http://www.staedelmuseum.de/sm/index.php?StoryID=1190