Matthew Barney - München

länger, gewaltiger und blutiger

Die Europapremiere von Matthew Barneys neuem Werk.

Die Kritik hat das Buch in seltener Einhelligkeit verrissen.

Doch Matthew Barney machte Norman Mailers Roman "Ancient Evenings" zum Ausgangspunkt für sein neues Projekt. Sieben Jahre hat er an dem monumentalen Film "River of Fundament" gearbeitet und mehr als tausend Menschen waren daran beteiligt. Die Europapremiere des Films fand in der Staatsoper München statt, denn das symphonische Werk mit drei Akten und zwei Pausen ähnelt mehr einer Oper als einem Film. Mit einer Gesamtlänge von mehr als fünf Stunden sprengt es sogar die Dimension von Wagners "Meistersinger von Nürnberg", wie der Gastgeber und Intendant der Staatsoper Nikolaus Bachler in seiner Einführung betonte. Die Musik dazu schrieb der amerikanische Komponist Jonathan Bepler.

"River of Fundament" ist auch länger, gewaltiger und blutiger als Barneys bisherige Projekte. Es geht darin um den Kreislauf des Lebens, um Zeugung, Geburt, Tod und Verwesung, um Seelenwanderung und Wiedergeburt. "Der Film hat nichts von einem 90-minütigen Hollywoodfilm, dessen emotionaler Spannungsbogen bewusst so konstruiert wurde, dass er sich der Konzentrationsfähigkeit des Publikums anpasst," erklärt der 1967 geborene, amerikanische Künstler, der durch seinen fünfteiligen Cremaster-Zyklus bekannt wurde: "Eher gleicht er einer sehr physischen Reise"

Diese Reise führt den Betrachter durch schmierig braune Fäkalienflüsse in die Städte Los Angeles, Detroit und New York. Der rote Faden der Geschichte – falls man bei diesem weitverzweigten, anspielungsreichen Epos überhaupt davon sprechen kann – entspinnt sich im Haus Norman Mailers, wo sich anlässlich seines Todes eine absurde Gesellschaft aus New Yorker Intellektuellen, Musikern, Kindern und Untoten zu einem Gastmahl trifft.

Die Handlung ist von Mailers Roman "Ancient Evenings" inspiriert, die im alten Ägypten spielt. Barney hat die Geschichte von Tod, Wiedergeburt und sexuellen Exzessen in die Gegenwart übertragen, ohne dabei auf ägyptische Begräbnisrituale zu verzichten. Sie kreist um drei Performances mit Automobilen, die ihre Wiedergeburt durch Transformation erfahren. Ihre Relikte sind in der Ausstellung im Haus der Kunst zu sehen. So auch die dreiteilige, 25 Tonnen schwere Skulptur DJED, für die extra ein Anbau auf der Terrasse des Gebäudes errichtet werden musste, um sie in der Ausstellung zeigen zu können. Im Film wurde sie im Lichtschein von feuerspeienden Hochöfen gegossen. Die Präsentation im Haus der Kunst wirkt im Gegensatz zu der Opulenz des Films seltsam blutleer. Wie ein gestrandeter Wal liegt die Eisenskulptur von kaltem Neonlicht beleuchtet auf dem Fußboden. Anders als bei der Ausstellung seines Cremaster-Zyklus 2002 im Museum Ludwig gibt es hier keine Filmausschnitte oder Bilder aus dem Film zu sehen, die den Prozess der Entstehung visualisieren – ein Mangel, den auch nicht die mageren Wandtexte ausgleichen können. "Ich sehe mich in erster Linie als Bildhauer, nicht als Filmemacher", hat Matthew Barney in einem Interview behauptet. Zum Leben erwachen seine Skulpturen aber erst durch den Film.

Matthew Barney. River of Fundament

Haus der Kunst, München
bis 16.8.
http://www.hausderkunst.de/agenda/detail/matthew-barney/