Jasper Johns - New York

Mit Bedauern, Jasper Johns

Neue Arbeiten von einem Giganten: New-York-Korrespondentin Claudia Bodin hat die Ausstellung von Jasper Johns im MoMA besucht.

Vergangenen Sommer besuchte Ann Temkin, Chefkuratorin am Museum of Modern Art, Jasper Johns in seinem Atelier in Connecticut.

Johns gilt als einer der Wegbereiter der Pop Art, der die Brücke vom Abstrakten Expressionismus zur Alltagskultur schlug, und ist neben Kollegen wie Ellsworth Kelly oder Frank Stella einer der noch lebenden großen amerikanischen Stars seiner Zeit. Johns, der Mitte der fünfziger Jahre mit seinen US-Flaggen, Targets, Buchstaben und Zahlen antrat, feiert im Mai seinen 84. Geburtstag.

Als Temkin seine neuen Arbeiten sah, entschied sich die Kuratorin auf der Stelle dazu, sie auszustellen. Eine spontane Aktion wie diese ist für eine große Institution wie das MoMA, wo Planungen für eine Ausstellung bis zu vier Jahre in Anspruch nehmen, ungewöhnlich. Die Serie zeigt, wie der alte Meister mit der Quelle seiner Arbeit Schritt für Schritt weiter spielt, bis sich der Ursprung bis zur Unkenntlichkeit aufgelöst hat und nur noch Schatten hinterlässt.

Die Quelle ist in diesem Fall ein Foto aus den sechziger Jahren, das Johns Malerkollegen Lucian Freud zeigt. Der junge Freud sitzt in einem spärlichen Raum auf einem Bett. Er versteckt sein Gesicht vor der Kamera, hat den Kopf geneigt und stützt ihn mit einer Hand. Zeitungen liegen zu seinen Füßen auf dem Boden. Jasper Johns entdeckte das Bild, bei dem die untere linke Ecke fehlt und das an einigen Stellen gefaltet worden war, 2012 in einem Auktionskatalog von Christie’s. Der britische Fotograf John Deakin hatte es um 1964 aufgenommen. Es war Teil einer Serie, die er für Francis Bacon schoss, der die Bilder wiederum als Quelle für seine Bilder einsetzte. Bacon faltete und knickte das Bild so lange, bis das große Loch in der linken Ecke entstand. Das geschundene Foto bildet den Ausgangspunkt für Johns Serie von Malereien, Zeichnungen und Drucken, die jetzt zum ersten Mal gezeigt werden. Die Nachlassverwaltung von Francis Bacon grub auch das Foto aus dem Atelier-Fundus aus, es ist in der Ausstellung zu stehen.

Das Wort ''Regrets'' lieferte nicht nur den Titel für die Arbeiten, sondern auch für die Ausstellung. Denn die meisten der gezeigten Werke tragen den Schriftzug ''Regrets'' (''Mit Bedauern'') und darunter Johns Unterschrift. Die Worte sind die Vergrößerung eines Stempels, den der Künstler anfertigen ließ, um die zahlreichen Anfragen und Einladungen, die auf seinem Tisch landen, auf praktische, einfache Weise abzusagen. 1964 gab sich Johns selbst die schriftliche Anweisung: "Nimm ein Objekt, mach etwas damit, mach etwas anderes damit, wiederhole." Und genau diese Methodik lässt sich in der kleinen Ausstellung mit insgesamt 18 Arbeiten, von denen die letzten erst im Januar fertig gestellt wurden, nachvollziehen.

Die Zeichnung ''Study for Regrets'' von 2012 zeigt, wie Johns den ersten Schritt tätigte: Er spiegelte das zerrissene, zerknickte Foto und setzte die beiden sich spiegelnden Bilder aneinander. Dort, wo ein Riss war, klafft ein dunkles Loch, dass in späteren Variationen ein Eigenleben annahm und mal wie zwei Gebäude, wie die Twin Towers oder auch wie eine Burg aussieht. Darüber entstand eine Figur, die an einen Totenschädel erinnert. Das Bild von Lucian Freud, dem Bett und dem Raum löst sich wie die Erinnerung an eine ferne Zeit immer weiter in abstrakte Einzelteile auf. ''Jasper Johns beginnt mit seiner Arbeit dort, wo viele andere Künstler aufhören'', sagt Ann Temkin. Dem MoMA wurden bereits acht der Werke von Sammlern, die das Museum unterstützten, vermacht oder zugesagt.

Jasper Johns. Regrets

MoMA
bis 1. September
https://www.moma.org/visit/calendar/exhibitions/1463

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