Sydney-Biennale - Kuratoren-Interview

Rettung in letzter Minute

Umdenken in letzter Sekunde: Unter dem Motto "You Imagine What You Desire" versammeln sich ab heute auf der 19. Sydney-Biennale über 90 Künstler aus 31 Ländern – fast jedoch wäre die Schau durch einen Boykott ihrer eigenen Künstler verhindert worden. Rund 40 von ihnen hatten ihre Teilnahme zunächst abgesagt, im Protest gegen den Hauptsponsor "Transfield Holding", der Lager für Asylsuchende auf Manus Island und in Nauru betreibt. Die Lager sind für ihre menschenunwürdigen Bedingungen berüchtigt, auch starb dort kürzlich ein Iraner im Konflikt mit den Sicherheitskräften. Nun haben die Organisatoren eingelenkt und die Partnerschaft mit dem umstrittenen Sponsor beendet. Gleichzeitig ist Luca Belgiorno-Nettis, dessen Familie "Transfield Holding" leitet, von seinem Amt als Vorsitzender des Komitees der Sydney-Biennale zurückgetreten. art hat vor der Eröffnung der Sydney-Biennale mit der Kuratorin Juliana Engberg gesprochen.

art: Ihr Motto für die 19. Sydney-Biennale ist "You Imagine What You Desire" (Du stellst dir vor, was du dir wünscht). Es soll eine optimistische Biennale werden, die eine Erkundung der Welt durch die Interventionen der Künstler darstellt. Klingt nach einem geradlinigen Konzept und einer erfrischenden Abkehr von den gängigen Diskursen der Kunstwelt. Möchten Sie sich damit von den eher auf Theorie fokussierten Schauen wie Documenta oder Manifesta distanzieren?

Juliana Engberg: Für Sydney, eine ziemlich weitläufige Stadt, und seine vielen Veranstaltungsorte mit ihren unterschiedlichen Typologien und Atmosphären, den Hafenorten, musealen Räumen, umfunktionierten Orten und so weiter, war es mir wichtig, die physischen und phänomenologischen Herausforderungen der Biennale zu berücksichtigen. Ein bestimmtes Thema, das einfach über die verschiedenen Orte gelegt wird, wäre in gewisser Weise erstickend. Deshalb ist es meine Taktik, es auszudehnen und die große Vielfalt, die der Kunst entspringt, einzukalkulieren. Auch ist der Kontext Sydneys ein ganz anderer als der im Kreis europäischer Biennalen, die eine Art Dialog miteinander führen. Ich denke, dieser Dialog ist in den letzten paar Jahren zunehmend negativer geworden. An einem Punkt, der Berlin-Biennale, wurde dieser sogar zu einer Deklaration gegen Kunst.

Dem wollen Sie etwas Positives entgegensetzen?

Ich wollte eine Biennale machen, die Leute dazu bringt, Kunst wieder zu lieben und sich einmal mehr als Teil ihrer Energie und ihres Potentials verstehen. Für mich ist Kunst aktive Philosophie. In dem Titel existiert sowohl die Sehnsucht des Künstlers als auch Sehnsucht und Fantasie des Publikums. Ich glaube, die Leute kommen zur Kunst, um Teil dieses amourösen Prozesses aktiver Sehnsucht zu werden, den der Künstler anstößt. Und Kunst versucht sich, so wie jede Liebhaberin, verführerisch zu machen, treibt das Publikum dazu an, zu ihr zu kommen. In gewisser Weise wollte ich die exzessive Eigenliebe der Kunst würdigen – nicht die sexy Kunst (naja, vielleicht manchmal), eher eine eszessive, sensationelle Kunst.

Was ist Ihr ganz persönliches Highlight der Schau?

Ach! Jedes Projekt und jede Arbeit besitzt für mich eine wundervolle Singularität. Hinter jeder Arbeit steckt Geschichte, das Erbe künstlerischer Praxis. Deshalb ist es nicht möglich zu sagen, welche Arbeit ich mehr mag, da jede davon so viel für mich erfüllt. Natürlich genieße ich die Art, wie diese singulären Arbeiten zusammen ein Ensemble ergeben, und ich bin zufrieden mit der Mischung, die das Publikum auf eine Erkundungsreise mitnimmt – von der Fantasie der Insel bis zum Schlagen des Herzens menschlicher Hoffnung und der Realität anderer Orte. Ich liebe sie alle.

Welches Kunstwerk hat Ihnen die größten Kopfschmerzen bereitet?

Weniger ein Kopfschmerz als vielmehr ein großes logistisches Unternehmen ist die Errichtung eines Rummelplatz-Fahrgeschäfts, das durch einen Felsen fährt. Glücklicherweise habe ich ein sehr einfallsreiches Team bei der Arbeit!

Was waren Ihre Kriterien für die Auswahl der Künstler?

Ich halte immer Ausschau nach mehreren Schlüsseleigenschaften. Damit ich mich für ein Kunstwerk interessiere, muss ich in der Lage sein, darin das Psychologische, Perzeptuelle und das Anthropologische zu finden. Die Arbeit muss ihr eigenes künstlerisches Erbe kennen; sie muss auf irgendwas aus der menschlichen Geschichte hindeuten, das sie für diesen Moment wichtig macht, und sie muss dies auf verlockende Art und Weise transportieren. Sie braucht eine Art Intensität des Geistes. Ich suche nach den Metaphern des kollektiven Bewusstseins und den Arten, wie diese sichtbar werden und zwischen den Kulturen vermitteln. Ich scheue mich nicht vor dem Poetischen, Außergewöhnlichen und Spektakulären und ich tendiere dazu, das Didaktische zu vermeiden.

Auf Ihrer Liste gibt es einige gut bekannte Namen, aber auch viele weniger bekannte Künstler. Wie wichig ist es für Sie, neue Talente zu repräsentieren?

Sehr wichtig! Und ich denke, das ist etwas, das Sydney immer anstreben sollte, sich neuen Künstlern, neuen Arten des Sehens zu öffnen. In den Jahren meiner eigenen Berufserfahrung habe ich immer Raum für aufstrebende Künstler geschaffen. Viele der heute bekannten Künstler haben zusammen mit mir angefangen, so wächst man zusammen. Das ist toll.

Ich habe auf Ihrer Liste eine Reihe von Künstlern gesehen, die in Deutschland leben und arbeiten. Ist Berlin das neue New York?

Berlin ist sicherlich eine großartige Künstlermetropole. Ich reise oft dorhin, um viele Künstler zu treffen, die dort leben und arbeiten. Ich glaube, die dortige Kunstszene hat einen größeren Vibe als New York, das immer noch wie ein Handelsplatz wirkt und kommerziel orientiert ist oder durch die Museumskultur historisiert ist. Vielleicht ist Berlin wie das New York der Achtziger Jahre, als es dort rund um Soho und das East Village eine starke "Grass roots"-Bewegung gab. Aber an Eurer Stelle würde ich Warschau genau beobachten. Ich wette, in zehn Jahren wird es ein Hauptknotenpunkt für Künstler sein.

In den USA und in Deutschland sehen wir ein neues Interesse an feministischen Theorien. Sehen Sie eine ähnliche Bewegung in Australien? Ist es ein wichtiges Thema für Sie?

Für mich war es und wird es stets ein wichtiges Thema sein, weil es Teil des humanistischen Projekts ist, dass Frauen gleichberechtigt sind. Und ja, Ich beobachte, dass junge Frauen in Australien sich dem feministischen Projekt erneut zuwenden, ein Projekt, das, wie Juliet Mitchell beobachtete, die am längsten andauernde Revolution ist! Frauen in Australien haben viel Freiheit und Gleichberechtigung, aber man kann nicht übersehen, dass Sexismus gegen Frauen lautstark existiert und dazu geeignet ist, zu dominieren, solange man nicht wachsam die Gewinne verteidigt, die in den Siebzigern und Achtzigern erreicht worden sind.

Wie viele weibliche Künstler werden auf der 19. Sydney-Biennale gezeigt?

Keine Ahnung. Ich tentiere nicht dazu, dies zu zählen oder Quoten aufzuerlegen. Irgendjemand wird es jedoch wissen.

Bei der Venedig-Biennale im letzten Jahr war Außenseiter-Kunst das neue große Ding. Ist das ein Trend, den Sie in Australien ebenfalls spüren?

Nicht so sehr, nein, und ich denke Massimiliano’s Biennale war eine große Feier der Esoterik, jedoch weniger ein Trend. Es war toll, Ich habe es gemocht. Es war eine eher einzigartige Perspektive.

Seit 1979 hat die Sydney-Biennale neben der internationalen Gegenwartskunst auch die indigene Kunst der Ureinwohner präsentiert. Setzten Sie diese Tradition fort?

Ich zeige weniger tradtitionelle und mehr urbanisiere einheimische Künstler in dieser Edition der Biennale. Das war für mich besonders wichtig, weil meine Position den Anspruch hat, die Gesellschaft positiv zu verändern, und diese Hoffnung auf eine positive Zukunft ist extrem wichtig für unsere indigenen Gemeinden.

Vor 40 Jahren, als die Sydney-Biennale ins Leben gerufen wurde, war der asiatisch-pazifische Raum selten auf der Landkarte der Kunstwelt. Jetzt gibt es in der Region viele Biennalen und Messen, sogart die Art Basel hat eine Vertretung in Hong Kong eröffnet. Ist Asien die Zukunft?

Auf jeden Fall ist Asien stark im Kommen als eine der Regionen, auf die wir schauen, und die Kunstmesse in Hong Kong scheint an Fahrt zu gewinnen. Mein Eindruck ist, dass zeitgenössische Kunst dort immer noch ein sehr spezielles Interesse ist und für einen großen Teil der Bevölkerung kaum Bedeutung hat, besonders in China. Ziemlich viele der privaten Galeristen erzählen mir, sie seien dort für das langfristigere Geschäft und hätten dafür investiert. Aber es wird für den Kunstmarkt einige Zeit dauern, bis er sich auf lokaler Ebene etabliert hat. Wenn ich mir die wundervollen historischen und traditionellen Arbeiten dieser Kulturen anschaue, fühlt sich die Auferlegung "westlicher" Gegenwartskunst ein wenig überheblich an. Wir müssen ein gutes Stück mehr über die Traditionen der Kunst im asiatisch-pazifischen Raum lernen.

Wie viele Besucher erwarten Sie für die diesjährige Sydney-Biennale?

Das ist schwer vorherzusagen, aber es stimmt, wenn ich sage, dass die Besucherzahlen der Biennale innerhalb der letzten 40 Jahre stetig gewachsen sind. Das letzte Mal hat sie über 665 000 Besucher angezogen.

Diese Biennale ist kostenlos für die Öffentlichkeit. Wie ist sie finanziert? Und wie hoch ist das Budget?

Ja, es ist unglaublich und großzügig, eine Veranstaltung dieser Größe frei zugänglich für alle zu machen. Wir haben Sponsoren und bekommen staatliche und private Unterstützung. Wir haben viel Zeit investiert, um diese Unterstützung für die Veranstaltung zu akquirieren.

Ihr Name hört sich deutsch an? Haben Sie deutsche Wurzeln?

Tatsächlich ist mein Name ein alter nordischer Name, einer der Landschaftsnamen und vielleicht ursprünglich norwegisch. Wie dem auch sei, mein Vater war ein Däne … ein dänischer blinder Passagier!

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