Liebe - Ludwigshafen

Eine Ausstellung über das Gefühl der Gefühle

Das Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen am Rhein zeigt noch bis zum 29. Juni eine Ausstellung über das Gefühl der Gefühle, über alles und nichts: Liebe. Mit Künstlern wie Robert Indiana Sharon Heyes, Marina Abramovic, Merlin Bauer und Gillian Wearing.

Alle paar Sekunden blitzt und knistert es. Zündfunken schlagen zwischen den zwei Kabelenden in einem kleinen Loch in der Wand.

Daneben ticken zwei Metronome fast im gleichen Takt. Dann fällt der Blick auf ein Bild, das fast so bekannt ist wie Lady Gaga. Ein Rechteck, zwei Zeilen, je zwei dicke Buchstaben – "Love" von Robert Indiana. Passt genau. Im Ludwigshafener Wilhelm-Hack-Museum geht es um die Liebe und nichts anderes. 26 Künstler wie Asta Gröting mit ihren Zündfunken und Mathias Ströckel, der die Metronome installiert hat, sind vertreten. Darunter sind viele Duos, wen wundert’s?
 
Ein "Plädoyer für die leidenschaftliche Liebe" zu allem, was sich lieben lässt, will die Ausstellung sein. Im April ist im Museum eine standesamtliche Trauung anberaumt. Überall im Haus leuchtet das Unaussprechliche auf, in Neon, Schrift und der sanften Berührung, mit der eine Punkfrau ihrem Typen über den Oberarm streicht. Die Szene läuft in Endlosschleife auf einem Bildschirm.
 
Die Tonspur der Schau aber ist ein schriller Mix, Gesäusel, Streit und Stöhnen, wenn nicht gerade in der "Liebeslieder-Lounge" jemand "O Mädchen, mein Mädchen" (Franz Lehar) oder "Halt mich" (Grönemeyer) ansingt. Oder der Psychotherapeut aus Christian Jankowskis Video "Create Problems" an der Reihe ist. Leicht gelangweilt analysiert der anhand kleiner Spielszenen Paarprobleme durch. Warum sie ihn nicht versteht und er lieber mal mit Kumpels einen drauf macht, solche Sachen. Sehr lustig.
 
Per Lautsprecher ist zu hören, wie die Performance-Künstlerin Sharon Hayes durch New York läuft und einen Liebesbrief an einen Verflossenen deklamiert. So als sei sie bei einer Demo. "I love you" schreit eine mittelalte betrunkene Frau im Tweedmantel auf dem Video von Turner-Preisträger Gillian Wearing immer wieder ihre Verzweiflung in die Nacht, bevor sie – von ihren Freunden? – in einer Variante aus einem Auto gezerrt und in ein Haus geschleppt wird. In der anderen bleibt sie weiter schreiend auf dem Rasen liegen. Still steht dagegen das Paar von Louise Bourgeois unter einer Glasglocke, zwei Stofffiguren, er blau, sie pink. Sie hat keine Arme, lehnt sich an ihn, berührend. Unweit haben zwei Sex.
 
Genaugenommen ist der Film des kubanischen Künstlerduos Los Carpinteros ein Porno. Nur, dass das Paar bei der körperlichen Liebe zusehends altert. Die Haut wird welk, die Frau ziemlich fett. Zum Schluss müht er sich ganz schön ab – und teilweise vergeblich. Dann steht er als alter Mann am Fenster. Das Bett bleibt leer. Er ist allein. Die Allegorie über die Vergänglichkeit der Liebe und des Lebens ist, na ja, nicht so komplex. Die Ausstellung insgesamt kommt weniger analytisch, dafür spielerischer daher als manche Vorgängerschau.
 
"Konzepte der Liebe" hieß eine 2008 im Kölner Kunstverein. In Bregenz wurde unter dem Titel "Liebe ist kälter als Kapital" sogar der "Wert der Gefühle" verhandelt. Im Katalog fragt sich die Ludwigshafener Kuratorin Barbara J. Scheuermann, warum Künstlerinnen und vor allem Künstler das Thema eins zu eins nicht so gerne haben. Weil sie als Strategen die schwer kontrollierbare Urkraft Liebe scheuen, wie sie spekuliert? Weil Liebe Einigung sucht und Kunst Differenz? Weil Kunst Unterschiede betont, die Liebe sie mildert? Oder, weil sie die Sorge quält, die eigene Arbeit könnte auf das Private reduziert werden?
 
Es sei ein schmaler Grat zwischen diskursiver Überfrachtung einerseits und hoffnungsloser Arglosigkeit andererseits, wenn man eine Ausstellung über das Gefühl der Gefühle konzipiere, schreibt Scheuermann. Kann auch sein, dass man das Thema – und seine Bejahung – allzu anbiedernd findet. Für den Besucher allerdings ist es geradezu erholsam, wenn sich Werke einfach auch einmal aus dem Bauch heraus erschließen. So, wie die drei Video-Klassiker des ehemaligen Künstlerpaares Marina Abramovic und Ulay zum Beispiel.
 
Wie die beiden sich bis zur Erschöpfung "küssen", um zu atmen. Die Nasenlöcher mit Zigarettenfilter verstopft, sind die beiden für zehn Minuten komplett von der mit Kohlendioxid versetzten Atemluft des anderen abhängig.
 
Wie sie sich gegenüberstehen, sie hält den Bogen, er den gespannten Pfeil mit Metallspitze auf ihr Herz gerichtet. Ein Mikro überträgt, wie es immer schneller schlägt. Nach vier Minuten ist es vorbei. Schließlich, wie sich die gebürtige Serbin Abramovic und Frank Uwe Laysiepen aus Solingen monatelang von beiden Seiten der Chinesischen Mauer entgegenlaufen. Und sich noch auf der Mauer trennen, als sie sich treffen, weil er ihr gesteht, dass eine andere von ihm ein Kind erwartet.
 
Natürlich geht es bei der Liebe um alles. Und nichts. Nicht weit weg von dem Drama-Dokument aus China strahlen die Neonröhren der Engländerin Tracy Emin ihr Versprechen "I promise to love you" aus. "Liebe deine Stadt" formuliert das Schriftzug-Objekt von Merlin Bauer eine Aufforderung, die in Ludwigshafen so leicht nicht einzulösen ist.
 
Auf Maria Lassnigs Gemälde hält ein Paar sich im Arm wie Adam und Eva und schaut dabei ausgelaugt aus. Johanna Adebäck und Merve Ertufan überschütten sich auf ihrem Video mit Komplimenten, die immer vergifteter werden und ihnen auszugehen drohen. Da beide je für sich aufgenommen sind, mit Frontalblick in die Kamera, sitzt man davor und kann sich auch selbst gemeint fühlen. "Du hast eine schöne Nase!", ach, ist das so? Danke. Klar, dass eine Schau, in der alles geliebt und zurückgeliebt wird, auch der Narzissmus eine Rolle spielt.
 
So spielt Daniela Comani in ihrer Fotoserie "Eine glückliche Ehe" sowohl den Ehemann als auch die Ehefrau. Die typischen Rollen sind leicht verschoben. Er liest ein Buch mit dem Titel "Monsieur Bovary". Vor allem aber stellt Comani mit ihrer Kunst die Frage, wie es wäre, mit sich selbst zusammen zu sein. Wäre man froh? Bei einer Arbeit von Alice Musiol jedenfalls könnte man das meinen. Sie besteht aus zwei Stickereien. Auf der einen steht gestickt: "in der Nacht von achten auf den neunten April trafen sich unsere Seelen". Auf der anderen: "19.8.1998. Heute liebe ich mich wieder allein". Aber wie man seit Oscar Wilde weiß, ist da ja oft der Beginn einer lebenslangen Romanze.

Liebe

Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafen, bis 29. Juni
http://www.wilhelmhack.museum/ausstellungen/aktuelle-ausstellungen/liebe.html