Ana Mendieta - Salzburg

Irres Talent, unglaublich sensibel

Die Amerikanerin Ana Mendieta nutzt den weiblichen Körper als Symbol für das in der Kunstgeschichte tradierte Frauenbild: passiv, objekthaft, ausgeliefert. Das Salzburger Museum der Moderne widmet der feministischen Performancekünstlerin, die nur 36 Jahre alt wurde, jetzt eine große Retrospektive.

Nackt und gefesselt liegt die junge Frau in dem Studentenzimmer. Die eintretenden Gäste hatten Kunst gesucht – und reagierten schockiert.

Kurz zuvor war auf dem Uni-Campus in Iowa eine junge Frau vergewaltigt und ermordet worden. Ana Mendieta, die damals dort studierte, schlüpfte in diese Rolle, inszenierte das in allen Details bekannt gewordene Drama noch einmal, stellte es zur Diskussion, machte den Körper der Frau zum Symbol für das auch in der Kunstgeschichte tradierte Frauenbild: passiv, objekthaft, ausgeliefert. Das war am Beginn ihrer Karriere 1973. Am Ende ihres kurzen Lebens wird ihr 
Körper wieder im Mittelpunkt stehen, geschunden, zerstört. Nach einem Streit mit ihrem Mann, dem Minimal-Künstler Carl Andre, stürzte sie in New York aus 
ihrem Schlafzimmerfenster im 34. Stock. Sie war 36. Es war ein Riesenskandal.

Carl Andre wurde des Mordes angeklagt und freigesprochen. Mendieta wurde zum Mythos. Einem Mythos, der ihr Werk größtenteils verstellt, beklagt Sabine Breitwieser, deren erste Tat als Direktorin im Salzburger Museum der Moderne jetzt die große Retrospektive der feministischen Performancekünstlerin ist. Gemeinsam mit der Londoner Hayward Gallery stellte sie rund 150 Arbeiten zusammen, um Mendietas Bedeutung als "eine der einflussreichsten Künstlerinnen unserer Zeit" auch in Europa zu zementieren. Allein das Diaarchiv Mendietas wird den gesamten Mitteltrakt des Museums am Mönchsberg einnehmen, darum gruppieren sich Fotos, Filme, Skulpturen und Zeichnungen, die "ein irres Talent und unglaubliche Sensibilität" zeigen. Sensibel ist Mendietas Kunst auch materiell, "es wird eine der letzten Gelegenheiten sein, dieses Werk derart umfangreich zu zeigen", so die Kuratorin. "Viele Arbeiten sind sehr fragil, zum Beispiel auf Baumlaub gezeichnete Göttinnen."

Dass Mendieta gerade in Österreich so wenig rezipiert wird, wundert Breitwieser – liegt doch die Verwandtschaft zum Wiener Aktionismus nahe, den die Künstlerin kannte. Ihr Lehrer in Iowa, der Deutsche Hans Breder, hatte Stars wie Vito Acconci, aber auch Otto Muehl eingeladen. Mendietas Arbeit mit ihrem eigenen Körper geht allerdings eindeutig in eine feministische Richtung, ist in einer Reihe mit der von Valie Export und Carolee Schneemann zu sehen. Wie Export schrieb auch sie ihren Körper in den siebziger Jahren in den Raum ein, vor allem in die Natur – sie zeichnete ihre Silhouette in Sand, Erde, auf Steine, lässt die Form verschwinden, verbrennen, verwaschen. Vergänglichkeit, Tod, Leben, Natur, Kult, das sind ihre Themen. Mendietas tragische Biografie ist dafür der Schlüssel – 
sie kam als zwölfjähriges Kind von Kuba in ein amerikanisches Waisenheim, wuchs in den USA auf und suchte so Zeit ihres kurzen Lebens nach ihrem Platz auf dieser Welt.

Ana Mendieta. Traces

Salzburg, Museum der Moderne, bis 6. Juli 2014

Der Katalog ist im Verlag Hatje Cantz erschienen, 
er kostet 35 Euro.

http://www.museumdermoderne.at/de/ausstellungen/aktuell/details/mdm/ana-mendieta/

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