Spielobjekte - Basel

Die wollen nur spielen!

Raus aus dem Elfenbeinturm und ab unters Volk! Das Museum Tinguely hat Schlüsselwerke der Mitmach-Kunst zu einem amüsanten Parcours arrangiert.

Hier ist es erlaubt, die Kunst mit Füßen zu treten! Gabriele Devecchi hat Schaumstoffteile zu einem Würfel zusammengesetzt und mit einer Schnur an einer Metallplatte am Boden befestigt. Wer dagegentritt, demontiert die Form, verändert sie, wird Mitgestalter am Werk.

Das kennt man doch! Schon in den sechziger Jahren, als das Museum noch ein heiliger Ort war, begannen Künstler die Betrachter zu aktiven Mitschöpfern zu machen. Devecchis Werk "Scultura da prendere a calci" ist tatsächlich bereits von 1959. Der Italiener gehörte zur "Gruppo T", die in Mailand dafür kämpfte, Kunst aus dem musealen Elfenbeinturm unters Volk zu bringen.
Bald darauf begann die Zeit der Jugendbewegungen und einfachen Utopien. Viele Künstler verstanden sich als Teil einer übergreifenden Kultur. In den USA und in Westeuropa sollte frischer Wind den Staub der Nachkriegsjahre wegblasen. Die Pariser "Groupe de Recherche d’ Art Visuel" löste sich 1968 auf, weil sie glaubte, mit der Studentenbewegung ihre Aufgabe erledigt zu haben, die Gesellschaft zu verändern. Julio le Parc, der zur Gruppe zählte, bastelte 1965 Automaten, bei denen man per Knopfdruck Tischtennisbälle in Bewegung setzen kann.

Für die Ausstellung "Spielobjekte – die Kunst der Möglichkeiten" hat das Museum Tinguely sie wieder ausgegraben. Gezeigt wird die Entwicklung variabler Objekte in der bildenden Kunst seit den dreißiger Jahren. Den Künstlern ging es immer darum, den Zuschauer mit einzubeziehen, ihn zum aktiven Mitgestalter zu machen und kunstferne Kreise für Gegenwartskunst zu interessieren. Auf öffentlichen Plätzen sollten Werke installiert werden, die man bewegen und verändern kann. Weniges davon ist realisiert worden.

Der Ausstellungsparcours beginnt in den dreißiger Jahren mit Vorläufern, die mit der Veränderbarkeit von Werken experimentierten. In den fünfziger Jahren nutzten lateinamerikanische Künstler Bewegung als Mittel, um aus den starren Konzepten auszubrechen, die sie bei europäischen Künstlern wie Max Bill gesehen hatten. Lygia Clark ist mit ihren kleinen Blechskulpturen wohl am bekanntesten. In den sechziger Jahren spiegelten sich dann auch Serienfabrikation und Massenkonsum in der Mitmachkunst: Rolf Glasmeier baute Kaufhaus-Objekte mit Fenstergriffen, Charlotte Posenenske entwarf Bausätze aus Kartonelementen, welche die Menschen zum gemeinsamen Basteln bringen sollten. Und Gerhard von Graevenitz gab dem Trend einen Namen, indem er seine Werke als "Spielobjekte" bezeichnete. Das ist im Museum Tinguely ganz vergnüglich nachzuvollziehen. Alle Besucher dürfen mit den Maschinen spielen. Und jüngere Generationen finden auch ihren Spaß daran.

Spielobjekte – die Kunst der Möglichkeiten


Basel, Museum Tinguely, bis 11. Mai 2014

Der Katalog ist im Kehrer Verlag erschienen und kostet im Museum 48 Franken, im Buchhandel 49,90 Euro
http://www.tinguely.ch/de/ausstellungen_events/austellungen/2014/Spielobjekte.html

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