Lucio Fontana - Paris

Aufbruch in die dritte Dimension

Seine malträtierten Leinwände machten den Italiener zum Revolutionär der Nachkriegszeit.

Er war stets auf der Suche nach neuen Formen von Abstraktion: Kaum ein Künstler des 20. Jahrhunderts hat die Malerei so radikal verändert wie Lucio Fontana (1899 bis 1968).

Fontana, in Argentinien als Sohn eines Italieners geboren, arbeitete – nach dem Studium an der Mailänder Kunstakademie Brera und eher konventionellen Anfängen – ab Mitte der dreißiger Jahre mit polychromen Skulpturen und Mosaiken am Versuch, abstrakte Kunst in die dritte Dimension des Raums zu erweitern. Ihre Krönung fanden diese Experimente erst nach einem kriegsbedingten längeren Aufenthalt in seinem Geburtsland ab 1949 in den Werken der Serie Concetti Spaziali, die Fontana zu einem der revolutionärsten Künstler der Nachkriegszeit machten. Die Raumkonzepte sind vom Maler mit dem Messer malträtierte Leinwände. Doch waren diese Perforationen immer farblich bearbeitet und manchmal durch Licht von hinten betont – die Verwundungen der Leinwand sollten nicht nur an Einschusslöcher erinnern, sondern auch an Firmament und Galaxie.

Auf die Beispiele der Buchi (Löcher) folgten nach einer großen Retrospektive auf der Venedig-Biennale 1958 die Tagli (Schlitze), monochrome Leinwände in absichtlich lebhaften Farben wie Rot, Blau, Gelb, Rosa, die Fontana mit dem Messer ein- oder mehrmals aufschlitzte. Die Schlitze sind oft mit schwarzem Textil unterlegt, um die Malerei noch deutlicher in die Tiefe des Raums zu verlängern und betonen so noch die kosmische und spirituelle Bedeutung einer Kunst, die Fontana als Pendant zu Architektur und Wissenschaft seiner Zeit sah. Fontanas geschlitzte Monochrome sind längst Klassiker der Kunst des 20. Jahrhunderts und begehrte Sammlerobjekte, die bei Auktionen oft oberhalb der Millionengrenze unter den Hammer kommen.

Dass sie nur die dekorative Seite eines visionären Werks sind, will die Ausstellung im Pariser städtischen Museum für Moderne Kunst beweisen. Rund 200 Tonskulpturen, Keramiken, Bronzen, Gemälde, zahlreiche Arbeiten aus dem wenig bekannten Frühwerk der dreißiger Jahre, aber auch Beispiele der großen begehbaren Rauminstallationen, genannt Ambiente Spaziale, demonstrieren, wie Fontana die dekorative Schönheit seiner Farben und Formen in neue Dimensionen transportierte. Er integrierte Glasstücke in seine Ölgemälde, spielte mit organischen Formen wie dem Ei, benutzte Metallplatten anstelle von Leinwand oder ließ Tonskulpturen in Bronze gießen, damit ihre Öffnungen und Wunden noch deutlicher wurden. In seinen letzten Lebensjahren betonte er die Spiritualität seiner Werke durch Benutzung neuer Formen wie der Spirale und einer zunehmenden Konzentration seiner Farbpalette auf Weiß.

Lucio Fontana. Retrospektive

Paris, Musée d’ Art Moderne, 25. April bis 24. August 2014.
Der Katalog zur Ausstellung kostet 44,90 Euro
http://www.mam.paris.fr/en/expositions/exposition-lucio-fontana