Hotel Hamburg - Hamburg

Kulturtalk à la Bordelaise

Mit mobilen Hotel-Bars und der Einweihung zahlreicher Funktionsbereiche macht das Theater- und Kulturprojekt "Hotel Hamburg: Eine Stadt besucht sich selbst" im Mai auf sich aufmerksam. Erst im Juli öffnet das Hotel mit den längsten Fluren der Welt seine Pforten. Initiator Jan Holtmann lud bei einem Blind-Dinner mit Elbblick zu Kulturtalk und Konzeptvorstellung.
Vorbote Blind-Dinner:Das Hotel mit den längsten Fluren der Welt

Mutige Wohnexhibitionisten treffen sich auf der "Agora" des Hotels mit den längsten Fluren der Welt: "Hotel Hamburg", Straßenszene

Mit hausgemachten Knödeln fing alles an. Eine fußballbegeisterte Kulturkamikazin berichtet, wie sie dazu kam, ihre Wohnung samt Haustürschlüssel wildfremden Menschen zu überlassen: "Eines Tages beschlossen meine Mitbewohnerin und ich, aus altem Brot Knödel zu machen. Spontan luden wir zehn Leute ein, die nur wir, die sich gegenseitig jedoch nicht kannten. Daraus entstand eine Tradition, auf die ich baute. Heute überlasse ich auch mal Paaren mit Kind und Dogge meine vier Wände." Sehr gewagt würde man meinen, ganz schön mutig finde ich.

Am 28. Mai fand ich mit gänzlich unbekannten Personen zum Projekt "Hotel-Restaurant" in der Wohnung der Knödelköchin ein. Zwölf Gäste aus dem kulturellen Metier, darunter unter anderem der Leiter des Altonaer Museums, eine Redakteurin des Hamburg Abendblatts und der Hochschulleiter der HfbK, wurden zum 3-Gänge-Menü mit Elbblick und anschließendem Kulturtalk geladen. Anlass des kulinarischen Blind-Dates war der Kunst- und Theater-Entwurf "Hotel Hamburg", eine Geschichtenproduktionsmaschine, die aus dem Unternehmensrepertoire geistig liberaler Vagabunden auf Zeit schöpft.

Aperitif: Zum Bellini erklärt Jan Holtmann, Initiator der Veranstaltung und Betreiber der "noroomgallery", das Grundkonzept: Hotel Hamburg ist ein Projekt zwischen Environment, Urban Art und angewandtem Fluxus, sozusagen ein handfestes Angebot an alle Hanseaten, vom 3. bis 20. Juli in ihrer eigenen Stadt Urlaub zu machen. Wer seine eigene Wohnung einem Unbekannten zu Verfügung stellt, kann selbst ein kostenfreies "Hotelzimmer", heißt, eine fremde Wohnung buchen. Frei nach dem Grundsatz "mi casa es su casa" wird für eine Nacht Horn gegen Winterhude und Billstedt gegen Schanze getauscht. Von der WG bis zum Penthouse, "Hotel Hamburg" erstreckt sich über alle Stadtteile und stellt Zimmer jeder Art zu Verfügung. Nach Hotel-Garderobe (Die Kleiderei, Schanzenviertel), Hotel-Friseur (Kamm Inn, Neustadt) und Hotel-Bibliothek (Antiquariat Atlas, Hoheluft) läuft im Mai das "Hotel Hamburg" mit der Eröffnung dreier neuer Funktionsbereiche auf die Zielgerade: Hotelgarten (Schrebergartenkolonie Borgweg, Winterhude), der Wellnessbereich (Mobile Sauna, Elbinsel) und der Hotel Anleger (Barca, Innenstadt).

Vorspeise: Während er genüsslich Rote-Beete-Suppe löffelt, betont Holtmann: "Wer sich aus dem Zentrum nach Suburbia wagt, hat was zu erzählen." Wie tief möchte man wildfremde Menschen in die eigene Privatsphäre eindringen lassen, und wie stelle ich mich selbst durch meine eigenen vier Wände dar? "Die eigene Wohnung wird zu einem begehbaren dreidimensionalen Spiegelbild der eigenen Erwartungen und Befürchtungen", so der Gastgeber. Zentraler Anlaufpunkt des "Hotels" ist die Rezeption. Gibt man hier seinen eigenen Schlüssel ab, erhält man das Recht auf einen anderen. Dann geleitet der Page die Gäste über die längsten Flure der Welt zur Hotelsuite.

Amuse-Gueule: In der Hotel-Lobby finden täglich Live-Gigs von Bands unterschiedlichster Couleur statt. Gleich einer Agora für die Hotelgäste lädt sie zum kulturellen Sinnieren und gegenseitigem Austausch ein – vielleicht auch hier mit hausgemachtem Karottenbrot.

Hauptgang: Mmmmh, Halloumi mit Conchiglioni und grünem Spargel – Jetzt wird serviert! Für eine Nacht begibt sich der traute Hanseat in die heimischen Gefilde eines mutigen Wohnexhibitionisten. Ein bisschen Voyeur möchte man sein. Die Teilnehmer werden zu Akteuren eines Bühnenstücks, das zwar aufgeführt wird, aber: Was im Hotel Hamburg passiert, das bleibt im Hotel Hamburg!

Dessert: Was bleibt, ist sicher kein bitterer Nachgeschmack: Auf dem Rückweg zur Hotelrezeption werden die Impressionen vom Pagen und dem Hotelpersonal gesammelt. Beim Vorläufer in Köln hagelte es positive Kritik und den Kölner Theaterpreis. Und bei Schokomousse mit Erdbeeren und Minzpesto, ist auch die Wohnung der Kulturkamikazin komfortabler als die Vier Jahreszeiten – ob Holidaycheck ebenso fünf Sterne gibt, bleibt abzuwarten.

Hotel Hamburg

3. bis 20. Juni, Eröffnung der Funktionsbereiche:

9. Mai 2014 – Hotel-Garten (Schrebergartenkolonie Borgweg, Winterhude)

16. Mai 2014 – Wellnessbereich (Mobile Sauna, Elbinsel)

30. Mai 2014 – Hotel-Anleger (Barca, Innenstadt)
http://www.noroomgallery.com/