"Der Stachel des Skorpions" - München

Allein gelassen in der Bilderflut

Gegenwartskünstler interpretieren Luis Buñuels Skandalfilm "L'Âge d'Or" neu.
Anspruchsvoll:Neuinterpretation von Luis Buñuels "L'Âge d'Or"

Tobias Zielony: "Der Stachel des Skorpions", Skorpionszene, Villa Stuck

Ein Liebespaar wälzt sich stöhnend im Schlamm, ein Vater erschießt seinen Sohn aus nichtigem Grund, und hochrangige Würdenträger feiern eine Orgie auf Schloss Selligny. Kein Wunder, dass der surrealistische Film "L'Âge d'Or" ("Das goldene Zeitalter") von Luis Buñuel bei seiner Uraufführung 1930 einen Skandal auslöste und viele Jahre verboten war.

Als Marc Weis und Martin De Mattia (M+M) den Film erstmals sahen, waren sie zugleich fasziniert und verwirrt von den verschlungenen Handlungen, die schonungslos die Verlogenheit bürgerlicher Moralvorstellungen offenlegte. Erst später wurde "L’Âge d’Or" für das Künstlerduo zur Inspirationsquelle eines filmischen Experiments. Ähnlich wie bei einem Cadavre Exquis, einem beliebten Spiel der Surrealisten, bei dem jemand einen Teil einer Figur auf ein Papier zeichnet, es umknickt und dann dem nächsten weiterreicht, luden M+M ihre Künstlerkollegen Tobias Zielony, Chicks on Speed, Julian Rosefeldt, Ceren Cytter und John Bock ein, sich filmisch mit den einzelnen Episoden von "L’Âge d’Or" auseinanderzusetzen. Das Ergebnis präsentieren sie in der Ausstellung "Der Stachel des Skorpions" in den Räumen der Villa Stuck, die sie in eine Art Multiplexkino ohne Trennwände verwandelt haben.

Nicht minder verstörend wie der Film von Buñuel sind auch die Episoden der Gegenwartskünstler: Absurde Geschichten von verpassten Gelegenheiten, schicksalhaften Begegnungen und unverhohlener Gewalt fügen sich zu einem Reigen. Bei Tobias Zielony spielen palästinensische Kopftuch-Mädchen mit Skorpionen, Chicks on Speed touren als Girls-Combo durch die australische Wüste, und in Keren Cytters Saloon Rose Garden kommt es zu einer brutalen Schießerei.
So sinnvoll es ist, die Bilder der verschiedenen Filmbeiträge ständig im Blick zu haben, so sehr stört die – dank fehlender Trennwände – recht heftige Geräuschkulisse die Konzentration auf die einzelne Episode.

Als Problem erweist sich zudem, dass die Ausstellung zum Start keine ordentliche Einführung bietet. Der Betrachter bleibt in dem überbordenden Bildkosmos erst einmal allein, da eine Erklärung des komplexen künstlerischen Konzepts erst am Ende der Ausstellung erfolgt. Schade auch, dass auf die Präsentation von "L’Âge d’Or" als filmisches Ausgangsmaterial verzichtet wurde. Nur wenigen Ausstellungsbesuchern dürfte der Inhalt des Buñuel-Werks bekannt sein. So haben M+M in der Villa Stuck ein ästhetisch überzeugendes, wie intellektuell anspruchsvolles Ausstellungsprojekt geschaffen, das sich jedoch nur wenigen erschließen wird.

"Der Stachel des Skorpions"

Bis 9. Juni 2014 in der Villa Stuck in München, der Katalog zur Ausstellung erscheint im Hatje Cantz Verlag, Preis im Museumsshop: 24,90 Euro.
http://www.villastuck.de/