Maria Lassnig - Wien

Die "dumme Ridi" kam gross raus

Mit 94 Jahren ist die Malerin Maria Lassnig am Dienstag Abend in einem Wiener Spital gestorben. Zum Höhepunkt ihrer Karriere zeigt die MoMA-Dependance in New York in einer Retrospektive die Selbstporträts, die sie zeitlebens so berühmt gemacht hatten.
Maria Lassnig ist tot:Malerin Maria Lassnig mit 94 Jahren verstorben

Maria Lassnig im Museum Ludwig in Köln vor ihren Bildern. Mit ihren 94 Jahren zählte sie zu den bedeutendsten Künstlern Österreichs.

Ihr Telefon hob sie schon lange nicht mehr ab, weder in der Wiener Atelier-Wohnung noch in ihrer Heimat Kärnten, wo sie sich in langen Sommern in einer alten Schule eingerichtet hatte.

Nach der Klosterschule war Lassnig hier in der Nähe Volksschullehrerin. Die "dumme Ridi" wurde sie in der Schulzeit von ihren Kolleginnen geschimpft, erzählte sie. Wie gut sie damals schon zeichnen konnte, sah man nicht, unterm Tisch kopierte sie Dürer aus dem Geschichtsbuch. Und im Gasthaus porträtierte sie die Bauern auf Servietten.

Auch zu ihren letzten großen Ehrungen und Ausstellungseröffnungen fuhr Maria Lassnig nicht mehr. Nicht mehr 2013 zur Biennale Venedig, um sich ihren so verdienten goldenen Löwen für ihr Lebenswerk abzuholen. Schon Franz West hatte dieser kein Glück gebracht, auch er starb ein Jahr nach der Verleihung 2011. Aber Lassnig war älter, viel älter. 94 Jahre. Ein schönes Alter. Aber kein Tod ist schön. Sanft, einfach einschlafen, so hatte sie sich das Ende gewünscht in einem der letzten Gespräche. Dienstag abend war es dann in einem Wiener Spital soweit. Das Ende kam am Höhepunkt ihrer langen Karriere – dieser Tage noch durch eine beeindruckende, jugendlich-frische Retrospektive in der jungen, schicken MoMA-Dependance PS1 gekrönt.

Es ist einfach klar: Maria Lassnig ist eine der stärksten, wenn nicht die stärkste europäische Malerin des 20. Jahrhunderts. Mit ihren hunderten Selbstporträts hat sie seit der Nachkriegszeit ein ganzes Künstler- und Frauenleben in allen Facetten durchdekliniert. Die "Body Awareness", die Körper-Bewusstseinserfahrung war ihre Erfindung. "Wie nackt" trete sie dabei jedes Mal vor die Leinwand, erzählte sie, fand danach spezielle Farben für spezielle Zustände – Krebsangstfarben, Druckfarben, Dehnungsfarben, Kälte- und Wärmefarben. "Das einzig wirklich Reale sind meine Gefühle, die sich innerhalb des Körpergehäuses abspielen: physiologischer Natur, Druckgefühl beim Sitzen und Liegen, Spannungs- und räumliche Ausdehnungsgefühle – ziemlich schwierig darzustellen", notierte sie dazu 1980. Mit den "Urzustandswerkzeugen", Pinsel und Stift, stellte sie sich fast bis zuletzt dieser schonungslosen Selbsterforschung, einmal abstrakter, einmal gegenständlicher – das konnte ganz schön hart werden. Splitternackt als ältere Dame, die Pistole an die eigene Schläfe gehalten, die andere auf den Betrachter gerichtet zum Beispiel. Oder den mageren Körper quer durchs Bild gestreckt, die Füße von Gewichten beschwert. In der Hand ein kleines Wiesel beschützend.

Die Liebe zur Natur, zu den Tieren, vor allem den kleinen, prägte ihr Leben. Seit ihrer Kindheit am Land, seit ihren Erlebnissen in der Jugendbewegung der "Wandervögel". Sonst blieb die Liebe in ihrem Leben aus, keine Kinder, keine langjährigen Beziehungen, das hätte sie zu viel Kraft gekostet, sagte sie einmal. Ihre einzige Verwandte, wie sie sagte, die Mutter, starb 1964. 1968 machte sie den größten und mutigsten Schritt ihrer Karriere und zog nach New York. Paul Celan hatte sie darin in Paris bestärkt. Nach Paris war sie von Wien aus gegangen, wo sie die Kunstakademie besucht, im Krieg Malerei studiert hatte. In New York aber war sie auf sich alleine gestellt, sie fand keinen Anschluss, ihre Bilder waren nicht gefragt. 1980 erst kehrte sie zurück nach Österreich, mit Anfang 60 war ihr eine Malerei-Professur an der Angewandten Kunstakademie angeboten worden. Lassnig war eine strenge, konservative, schwierige Lehrerin. Die Männer, so erzählen sich ihre Schülerinnen zumindest, mehr förderte.

Feministin wollte sie partout keine sein, diesen Kampf, meinte sie, sollten andere fechten. Dennoch war sie eine, in ihren Trickfilmen kommt das klarer heraus. Aber auch ihre Bilder, ihre gesamte Biografie spricht vom Kampf einer Frau, die sich rücksichtslos für die Kunst entschieden hat. Und zumindest die Kunst hatte sich für sie entschieden. Ihr Erfolg kam spät, aber er kam. Immerhin hat sie ihn noch erleben dürfen.

Maria Lassnig

MoMA (Museum of Modern Art) PS1, bis 25. Mai

http://momaps1.org/exhibitions/view/376