Counter/Surveillance - Berlin

Schwindelnde Wirklichkeit

Wie das Gemenge aus Informationen, Statistiken und Algorithmen auf uns zurückschlagen wird, weiß keiner. Unter dem Titel "Schwindel der Wirklichkeit" versucht die Berliner Akademie der Künste sich mit Gästen aus Politik, Wissenschaft und Kultur diesem ungreifbaren Jetzt der Datenwelt zu nähern.

Die Wirklichkeit taumelt. Glaubten wir zu lange an die Klarheit von Zahlen und Mathematik, stehen wir heute in der Zeit von digitaler Überwachung und Telekommunikation einer Undurchsichtigkeit von Daten und ihrer Errechnung gegenüber. Wie das Gemenge aus Informationen, Statistiken und Algorithmen auf uns zurückschlagen wird, weiß keiner. Wie wir damit umgehen sollen, ist ungewiss.

Unter dem Titel "Schwindel der Wirklichkeit" lanciert die Berliner Akademie der Künste ein einjähriges Veranstaltungsprogramm und versucht sich mit Gästen aus Politik, Wissenschaft und Kultur diesem ungreifbaren Jetzt der Datenwelt zu nähern.

"Counter/ Surveillance – Leben als Big Data", war das Thema, zu dem sich an diesem Mittwoch der Videokünstler und Filmemacher Harun Farocki, die Sprecherin des Chaos Computer Clubs Constanze Kurz und der investigative Journalist John Goetz unter der Moderation des Medienwissenschaftlers Dieter Kemmerer zusammentaten.

Von "filmenden Bomben" aus dem Vietnamkrieg und von "erzählenden Aufnahmen" erster Überwachungskameras am Hamburger Hafen redete Harun Farocki da und erklärte schließlich die Drohne als richtige Metapher für heutige Kontrollsysteme: Das ferngesteuerte Flugzeug löst die gezielte Beobachtung, die "target surveillance", ab und scant ganze Landschaften. Die gewonnenen Bildmengen der Drohne würden zu Datenmengen, die nun, fernab vom Ort der Aufnahme, in der Logik von Stochastik und Statistik Ergebnisse über die Realität liefern.

Die Abbildung der Wirklichkeit ist heute also in eine Berechnung der Wirklichkeit umgeschlagen. Die Zahlen für eine solche Mathematik liefern wir, die mit der "technischen Fetischisierung des Alltags" wie Farocki es formuliet, fortwährend an PCs, MACs, Blackberries, iPhones und anderem smarten Gerät mit jeder Suchanfrage und jedem Chat in eine Big-Data-Wolke einspeisen.
Das klingt fatal, denn wer kann, greift auf Big-Data zu und unterstellt die Informationen dem eigenen Algorithmus – NSA und BND machen es vor.

Trotz dieser Gefahr sind für Constanze Kurz und John Goetz Technik und Telekommunikation immer noch zivilgesellschaftliche Errungenschaften. Und ebenso fordern beide, zivilgesellschaftlich gegen die omnipotenten Überwachungssysteme vorzugehen. Ihre Waffen finden Kurz und Goetz im Rechtsstaat und beim mündigen, aufgeklärten Bürger.

Verschlüsselung der täglichen Telekommunikation ist ein wichtiges Schlagwort, Enttarnung ist ein anderes. Darin sieht Goetz seine Rolle als investigativer Journalist, wenn er auf das Recht zur Information besteht, bei Behörden Datensätze, etwa Pilotenlisten von Chartaflügen, erfragt, durchsucht und schließlich, "mit viel Geduld", wie er zugibt, die Identitäten von CIA-Agenten knackt. Constanze Kurz geht noch einen Schritt weiter. Beim Bundesgerichtshof hat sie gemeinsam mit dem Chaos Computer Club und der Humanistischen Union im Zuge der NSA-Affäre Anklage wegen Datenmissbrauchs eingereicht. Sie richtet sich an niemand Geringeres als den britischen und den US-amerikanischen Geheimdienst samt ihrer wissenden und unwissenden Verbündeten, einschließlich der deutschen Kanzlerin selbst.

Das sind große Schritte, mit denen Goetz und Kurz gegen die Gefahren von Big-Data vorgehen. Nachmachen muss man es nicht. Doch wo die Wirklichkeit schwindelt, können die beiden erste Anstöße, Versuche und Überlegungen liefern. Das passt zu dem essayistischem Format, das die Akademie der Künste mit dieser wöchentlichen Veranstaltungsreihe verfolgt. "Vorbereitungsbüro" betitelt die Akademie zaghaft das Programm. "Was ist wirklich", "Brave New Now" oder "Speculative Futures" sind seine vergangenen und kommenden Themen, die alle im September diesen Jahres in eine Ausstellung münden werden. Eine gewisse Paradoxie erlaubt sich die Akademie bei diesen Veranstaltungen schon: Alles wird gefilmt, aufgenommen und als Datensatz ins Netz geschickt, unverschlüsselt natürlich.

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