Sturtevant / Kittelmann - Interview

Die letzte "Speerspitze" der Avantgarde

Am 7. Mai 2014 ist Elaine Sturtevant mit 84 Jahren in Paris gestorben. Udo Kittelmann, Direktor der Nationalgalerie in Berlin, sprach in einem Interview mit art über seine Erfahrungen mit der Künstlerin. Im September 2004 hatte er eine Ausstellung im Frankfurter MMK kuratiert, für die er alle Ausstellungsräume leer räumen ließ und das Museum ausschließlich Elaine Sturtevants "Brutal Truth" widmete.

Was ist Ihr einprägsamstes Erlebnis mit Elaine Sturtevant?

Das lässt sich kaum auf ein einzelnes Erlebnis beschränken. Das prägendste Ereignis ist für mich überhaupt das Privileg gehabt zu haben, sie kennengelernt zu haben und mit ihr über ein Jahrzehnt eng zusammenzuarbeiten.

Sie gehört für mich zu den Künstlern, die mich maßgeblich in meiner grundlegenden Haltung gegenüber Kunst und der Kunstwelt bestätigt haben. Mein Verhältnis zu Sturtevant ist ein sehr intensives gewesen, ich habe über die letzten Jahre hinweg fast wöchentlich mit ihr telefoniert. Das demonstriert sehr deutlich, welchen Stellenwert sie für mich vor allem als Person und als Künstlerin hatte. Es gibt so großartige Persönlichkeiten, da kann man nur dankbar sein, dass man sie einmal im Leben kennenlernen, mit ihnen gemeinsam denken und diskutieren durfte.

Wie wirkte sie als Künstlerin und auch als Privatperson auf sie? Stachen Charaktereigenschaften hervor, die sie besonders liebenswert und interessant gemacht haben?

Zu allererst war sie eine der großen, einflussreichen Künstlerpersönlichkeiten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ich denke, dass die Tragweite ihres zukünftigen Einflusses auf eine jüngere Künstlergeneration noch gar nicht abzuschätzen ist. Für mich ist sie die letzte "Speerspitze" der Avantgarde gewesen, die es im klassischen Verständnis heute gar nicht mehr gibt. Ich habe sie immer zu dem großen "Triumvirat" der zeitgenössischen Kunst gezählt: Marcel Duchamp, Andy Warhol und Elaine Sturtevant.

Gibt es eine Arbeit, die Ihnen besonders gut gefallen hat?

Sie müssen sich Folgendes vor Augen führen: Es ist das Wunderbare an ihrem Werk, dass es letztlich keine Rolle spielt, über welches wir uns genau unterhalten. Es geht vielmehr darum, dass sie eine Kunst entworfen hat, die über lange Zeit überhaupt nicht zu definieren war. Das gerade macht die Großartigkeit und Qualität ihres Werkes aus. Sie hat den tradierten Begriff des Originals stark in Frage gestellt, ohne dabei auf eigene Künstleroriginalität zu verzichten, und das gilt für ihr Gesamtwerk. Unglaublich überraschend war auch, dass sie in den letzten zehn Jahren noch einmal eine Werkgruppe im filmischen Bereich entwickelt hat, die so frisch und aktuell anmutet, wie man es in ihrem fortgeschrittenen Alter nicht unbedingt erwartet hätte. Zwar hat ihr Oeuvre von Anfang an das filmische Medium beachtet, aber in den letzten Jahren hat es nochmal eine andere, überraschende Wendung genommen. Es ist ein historisches, nicht abgeschlossenes Vermächtnis, das sie hinterlässt.

Elaine Sturtevant stand sehr oft in der Kritik, lediglich Kopien großer Kunstwerke anzufertigen. Worin liegt für Sie genau die Innovationskraft und der Wert Ihrer Arbeit?

Dass man von Kopien gesprochen hat, ist genau das große Missverständnis der letzten Jahrzehnte gewesen. Nur wenige Kunstkenner haben die wahre Botschaft ihrer Arbeiten frühzeitig erkannt und deutlich gesehen, dass es sich nicht um Kopien handelt. Ihre Werke sind sozusagen seelenverwandte Doppelgänger bestimmter Vorfahren. Insofern ist ihren Arbeiten auch stets ein genetischer Code mitgegeben. Genau dies ist das Unglaubliche an ihrem Werk. Niemand zuvor hat es gewagt, in dieser Konsequenz künstlerisch zu denken und zu arbeiten. An ihrem Konzept kann nicht mehr gerüttelt werden: Aus, Basta, sie hat einen Endpunkt gesetzt. Das ist ein historisches Werk von großer Bedeutung, gerade wenn wir uns den Wechsel ins digitale Zeitalter vor Augen führen. Auch das hat sie in ihrem Denken und in ihrer Arbeit vorweggenommen.

Nennen Sie mir zum Abschluss drei Schlagwörter, die Ihnen spontan zu Sturtevant in den Sinn kommen:

Eigentlich kann ich sie da nur zitieren: Die drei sind "Courage, Courage, Courage".
Sie ist eine der mutigsten Künstlerfiguren gewesen, die man sich vorstellen kann. So wird sie der Kunstwelt in Erinnerung bleiben und jüngere Künstlergenerationen werden um die Figur Sturtevant nicht mehr herumkommen. Das gelingt nur den ganz großen künstlerischen Entwürfen.

Elaine Sturtevant in der Stoschek-Collection

Bis zum 10. August zeigt die Julia-Stoschek-Collection die Ausstellung "Number Eight", die sich auf das medienbasierte Werk Elaine Sturtevants konzentriert.
http://www.julia-stoschek-collection.net/ausstellungen/number-eight-sturtevant.html