Kunstfrühling 2014 - Bremen

Kreatives Duett der Hansestädte

Der achte "Bremer Kunstfrühling" verwandelt die Gleishalle am Güterbahnhof für zehn Tage erneut zu einem lebendigen Ausstellungsraum. Neben Beiträgen der Bremer Kunstinstitutionen, zeigt die Partnerstadt Hamburg dieses Jahr, was die Kunstszene an der Elbe zu bieten hat.

Wenn sich norddeutsche Geister zum anregenden Kulturaustausch am Bahnhof verabreden, kann nur ein großes Kunstfestival Impulsgeber sein. Zwischen Betonträgern und alten Bahnschienen verwandelt sich die alte Gleishalle am Bremer Güterbahnhof dieses Jahr zum dritten Mal in einen urbanen Kunsttempel.

Auslöser ist der achte Bremer Kunstfrühling, ein einzigartiges Kunstfestival Norddeutschlands, für das zehn Tage lang zahlreiche Museen, Galerien, Atelierhäuser, Kunst- und Kulturvereine in der 14 000 Quadratmeter großen Gleishalle zusammenkommen, um zeitgenössische Kunst aus Bremen und der Metropolregion zu präsentieren. Die diesmal ausgewählte Partnerstadt Hamburg liefert mit zahlreichen Galerien und Off-Räumen einen interessanten Einblick in die Kunstszene der Millionenstadt an der Elbe und ermöglicht gleichzeitig einen anregenden Austausch zwischen den Hansestädten.

Das diesjährige Highlight der Kulturveranstaltung bildet eine Sonderausstellung mit dem Titel "Notausgang am Horizont", die mit knapp 4000 Quadratmeter Ausstellungsfläche die spezifische Atmosphäre der Halle selbst nutzt. Gastkurator Ludwig Seyfarth betont: "Der Sonderausstellungsbereich wird in eine große, weitgehend offene Bühne verwandelt, die Innen- und Außenwelt zugeich ist, reale in imaginäre Räume übergehen lässt." Mit Arbeiten von rund 70 Künstlern aus beiden Städten stehen raumgreifende Objekte und Installationen, gemalten, gezeichneten, fotografierten, gefimten oder digital kreierten Bildwelten gegenüber:

Eine klare Verbindung von Ausstellungsraum und Kunstwerk kreiert die Künstlerin Anna Lena Grau mit ihrer Installation "Pink Spill". Naturphänomene, archäologische Funde oder Salzlecksteine geben der Hamburger Bildhauerin Anregungen für ihr farbenprächtiges plastisches Werk. Ihr Wunderkammer-Arrangement erfordert ein subtiles Gespür für die verborgenen und philosophischen Facetten der Welt. Eindeutig klarer kommt Herwig Gillerke mit seinen Fotografien aus der Serie "10 Seconds" daher. Als Foto-Performance-Künstler und Maler ist er ein kreativer Allrounder, der Kunst und Alltag zu einer Einheit verbindet. Punk, Pop und Kunstgeschichte sind seine essentiellen Impulsgeber, mithilfe derer er eine Kunst kreiert, die Gewalt und gesellschaftliche Krisen ohne Scheu vor Provokation thematisiert.

Wie bei einem Kaleidoskop, bei dem sich die ganze Schönheit erst durch die Aufsplitterung einzelner Scherben und vielfache Spiegelung ergibt, fügt die Künstlerin Mei-Shiu Winde-Liu in ihrer Installation "Zwischen Null und Eins" einzelne Objekte zusammen, die eine flüchtige Erinnerung in einem vielschichtigen Denkraum für den Betrachter fassbar machen. Mit Porzellan und grenzüberschreitenden Materialien demonstriert sie das subjektive Innenleben der Dinge. Gänzlich konträr ist die Arbeit der Malerin Sibylle Springer. Mit "Dim" präsentiert sie ein recht abstraktes Acrylgemälde, das ein unbestimmtes, rätselhaftes Phänomen in flirrender Unschärfe darstellt.

Neben den Arbeiten der Sonderausstellung, sind mit bekannten documenta-Teilnehmern, wie dem Performancekünstler John Bock oder der südafrikanischen Fotografin und Homosexuellen-Aktivistin Zanele Muholi, Werke der internationalen Kunstszene in der Gleishalle vertreten. Zudem stellen sich erstmalig die Hochschulen für Künste zu Bremen und Hamburg mit ausgewählten Arbeiten auf dem Kunstfrühling vor. Einen anregenden Überblick über die künstlerischen Aktivitäten der norddeutschen Regionen liefern vor allem die vertretenen Museen und Galerien:

So bestreitet die Hamburger "Levy Galerie" mit dem Zeichner Friedrich Einhoff den Kunstmarathon am Bahnhof. Die menschliche Figur gehört zum grundlegenden Formenrepertoire des Künstlers. Stets auf der Suche nach einer allgemeingültigen zeichnerischen Ausdrucksweise für das ambivalente und zerbrechliche Wesen Mensch, erfindet Einhoff die Figur "Mensch" neu und setzt sie in einen eigens kreierten Bildraum. Deutlich abstrakter muten hingegen die Arbeiten des Londoner Malers Tim Allen an, der von der Kunsthalle Wilhelmshaven vertreten wird. In "Ya Bas" schafft er mithilfe der Interaktion von Farbe und Form netzartige Strukturen. Übergeordnete Prinzipien wie Rasur oder Rhizome knüpfen bei Allen an das Erbe der abstrakten Moderne an.

Spannend ist auch die in einem eigenen Pavillon präsentierte, zeitgenössische Kunst aus der Sammlung Reinking, die vom Museum für moderne Kunst der Weserburg präsentiert wird. Ausgestellt werden zwei raumgreifende Skulpturen der französischen Künstlerin Hermine Anthoine sowie eine Videoarbeit von Vanessa Beecroft. Hier steht die Überschreitung von Grenzen sowie die Transformation des Alltäglichen im Mittelpunkt. Zugleich wird mit den Arbeiten auf die große Sammlungspräsentation "Existenzielle Bildwelten. Sammlung Reinking" verwiesen, die am 23. Mai in der Weserburg eröffnet wird.

Bremer Kunstfrühling

16. bis 25. Mai, Gleishalle am Güterbahnhof, Bremen

Zur Eröffnung des Kunstfestivals ist ein Ausstellungskatalog mit dem Titel "Kunstfrühling 2014 - Notausgang am Horizont" erschienen, der 5 Euro kostet

Am 24. Mai findet parallel die Lange Nacht der Bremer Museen statt
http://www.kunstfruehling.de/de/start/