Hans Ulrich Obrist / Gerhard Richter - Interview

Atelierbesuch der Superlative

Hans Ulrich Obrist ist nicht nur einer der einflussreichsten Strippenzieher der Kunstwelt und Kurator der großen Gerhard-Richter-Ausstellung in der Fondation Beyeler, sondern auch ein sehr enger Freund des Künstlers. Im art-Interview erzählt er, warum genau diese Schau schon immer sein Traum war und wie ein Atelierbesuch beim Meister vor 28 Jahren für immer sein Leben veränderte. Das Interview ist dem art-Sonderheft "Gerhard Richter" entnommen, das es jetzt am Kiosk gibt.

Sie wollen anhand von Gerhard Richters Serien, Zyklen und Räumen einen Überblick über sein Gesamtwerk geben. Wie funktioniert das?

Das Ganze war ein Prozess von vielen Jahren und entstand in einem sehr engen und guten Dia­log mit Sam Keller, dem Direktor der Fondation Beyeler. Ausgangspunkt war die Einladung von Keller, eine große Gerhard-Richter-Ausstellung zu kuratieren.

Das war 2012, als in der Tate Modern in London die Richter-Retrospektive "Panorama" eröffnete, die danach in der neuen Nationalgalerie in Berlin und im Centre Pompidou in Paris zu sehen war. Nach dem Abendessen bei der Tate-Eröffnung konnte man nochmal in die Ausstellung gehen. Das ist ja immer ein Traum, dass man alleine ist in der Nacht im Museum! Vor dem einen Bild aus der Serie "Verkündigung nach Tizian" hatte ich plötzlich diese Sehnsucht, die ganze Serie zu sehen. Das war der Auslöser für die Beyeler-Schau. Denn natürlich stellte sich bei "Panorama" die Frage, wie man kurz nach einer solch umfangreichen Schau noch eine Übersichtsschau machen kann. Wie immer begann das Unterfangen im Gespräch mit dem Künstler. Gerhard Richter und ich hatten uns schon oft über sein Verhältnis zur Architektur unterhalten und darüber, dass schon sehr früh in seinem Atlas Serien als unrealisierte Architekturen auftauchen. In der Frühphase war außerdem der Dialog mit Dieter Schwarz, dem Direktor des Kunstmuseums Winterthur, enorm wichtig. Er war nicht nur am Feintuning des Ausstellungskonzepts beteiligt, sondern hat auch einen Essay für den Katalog beigesteuert.

Wie kommt es in Richters Werk immer wieder zu Serien und Zyklen? Entscheidet er das bewusst vorab oder passiert das eher zufällig?

Richter hat sich von Anfang an für die Präsentation seiner Kunst im Verhältnis zur Architektur interessiert. In seinem Atlas gibt es einige architektonische Zeichnungen und Skizzen. Das Verhältnis vom einzelnen Bild zur Werkgruppe und zum Ausstellungsraum ist ein wichtiges Thema. Die Entstehung von Zyklen hat aber mitunter auch einfach mit den räumlichen Bedingungen des Ateliers zu tun. Und es ist die Zusammengehörigkeit des Sujets, die eine Serie oder einen Zyklus bewirkt, wie bei den "Acht Lernschwestern", oder dem "18. Oktober 1977". Bei anderen, wie bei der "Verkündigung nach Tizian" oder "S. mit Kind", geht es darum, dass Richter sich einem Motiv in verschiedensten Variationen nähert. Bei den abs­trakten Bildern ist es ein erweiterter Bildraum, wo das einzelne Gemälde und der Gesamteindruck dauernd hin und her oszillieren, wie bei "Wald" oder "Cage". Der Catalogue Raisonné setzt in den sechziger Jahren ein. In den fünfziger Jahren studierte Richter an der Hochschule für Bildende Künste Dresden Wandmalerei. Da sind frühe Werke entstanden, die nicht Teil des Catalogue Raisonné sind, aber bereits da sieht man sein starkes Interesse für Räume und Raumfolgen, das bestimmt auf sein Wandmalerei-Studium zurückzuführen ist.

Wann ist eine Bildfolge ein abgeschlossener Zyklus und wann eine Serie, die theoretisch weitergehen könnte?

Es gibt ja die frühen mehrteiligen Gemälde, wie die "Acht Lernschwestern" von 1966, das Serielle ist da schon drin. In den siebziger Jahren kommt eine andere Art von Zyklen und Serien dazu, bei der quasi das Thema als Variation ausgelotet wird, wie bei der "Verkündigung nach Tizian". Er hat sich immer damit auseinandergesetzt, denn er hatte ja schon früh den Catalogue Raisonné. Es gibt nur sehr wenige Künstler, die ihr Werkverzeichnis von Anfang an durchnummeriert haben. Richter war schon immer ein sehr strenger Editor seines eigenen Werks. Es gibt kein einziges schlechtes Bild in seinem Catalogue Raisonné. Die Zyklen und Serien sind alle nummeriert, deswegen ist es klar, wann etwas abgeschlossen ist. Das entscheidet er selbst.

Wird Richter in Basel die Ausstellung selbst hängen?

Ja. Wie bei allen Ausstellungen, die ich organisiere, entsteht auch diese im engen Dialog mit dem Künstler – und das bezieht sich auch auf die Hängung. Aber ich möchte noch einmal auf Ihre Frage nach den Serien und Zyklen zurückkommen: Wichtig ist auch das Prozesshafte, das sich darin zeigt. Es ist das Zusammenspiel von Wiederholungen und Differenzen, Gilles Deleuze beschreibt das in seinem Buch "Differenz und Wiederholung". Dieses Spiel von Wiederholungen und Unterschieden zieht sich wie ein roter Faden durch Gerhard Richters Werk, das sieht man auch gut bei den abstrakten Bildern: Die sind sich auf den ersten Blick sehr ähnlich, aber bei genauem Hinsehen sehr verschieden. Auch bei den übermalten Fotos ist das sehr stark oder bei "Grau", einer der bedeutendsten Serie der siebziger Jahre. Auch das sind Bilder, die nicht in der "Panorama"-Retrospektive zu sehen waren. Ich bin sehr glücklich, dass wir den grauen Raum aus dem Museum Abteiberg in Mönchengladbach komplett zeigen können. Bei "Grau" dachte man zuerst, dass es um die Negation der Farbe ginge, um Zerstörung. Aber die Bilder sind nicht alle gleich – im Gegenteil! Bei diesem Zyklus sieht man die Unterschiede der Einzelbilder besonders gut anhand der seriellen Wiederholung des monochromen Farbthemas.

Wie haben Sie Gerhard Richter kennengelernt?

Meine erste Begegnung mit ihm war 1986 in der Kunsthalle Bern bei seiner ersten großen Schau in der Schweiz. Ich war Student in St. Gallen und bin bestimmt zwanzigmal nach Bern gefahren, um mir die Ausstellung immer wieder anzuschauen. Und immer wieder habe ich andere Dinge entdeckt. Ich war unendlich fasziniert von diesen verschiedensten Dimensionen, die sein Werk erschließt. Ich hatte alle seine Kataloge studiert und war absolut besessen von seinem Werk. Für mich ist er einer der absolut größten Künstler der Welt, und ich war total inspiriert und fasziniert von ihm und habe ihn gefragt, ob ich einen Atelierbesuch bei ihm machen könnte – und so bin ich in der Woche nach der Vernissage in Bern mit dem Zug zu ihm nach Köln gefahren.

Haben Sie damals geahnt, wie sehr diese Begegnung Ihr Leben prägen würde?

Ich war noch sehr jung, zu jung, um Ausstellungen zu machen – aber mir war sofort klar, dass ich so etwas machen wollte. Ich hatte das unglaubliche Glück, in einer Situation zu sein, in der ich wahnsinnig viel lernen konnte. Diese Begegnung war sicherlich einer der wichtigsten Gründe dafür, dass ich Kurator geworden bin. Als 18-Jähriger weiß man ja noch nicht so genau, was man ist. Ich wusste nur, dass ich etwas mit Kunst machen wollte, aber selbst kein Künstler bin, eher ein Vermittler. Aber ich wusste noch gar nicht genau, was ein Kurator eigentlich ist.

War er ein Mentor für Sie?

Ja, ein sehr wichtiger.

Wie hat Richter auf Sie gewirkt bei der ersten Begegnung?

Wir haben über die Bilder gesprochen, die damals bei ihm im Atelier standen. Das waren die großen abstrakten Zyklen der achtziger Jahre. Es ist schwierig, das Gespräch zu rekonstruieren. Ich habe bei allen Begegnungen mit ihm immer wieder extrem viel gelernt: Wie man Ausstellungen macht, wie man sie hängt, wie man Bücher macht, wie man sie betitelt.

Wie hat sich der Kontakt zu Richter nach der ersten Begegnung entwickelt? Haben Sie ihn regelmäßig besucht, oder hat er sich auch bei Ihnen gemeldet?

Wir haben dann von Zeit zu Zeit telefoniert. Es ist ein freundschaftlicher Dialog entstanden. Ich habe alle seine Ausstellungen gesehen, bin zu allen Eröffnungen gefahren. Und dann kam Sils-Maria ins Spiel. Richter ist immer in den Urlaub in die Schweiz gefahren, ins Engadin, nach Sils-Maria, wo auch das Nietzsche-Haus ist. Ich war da als Kind oft im Urlaub. Wir haben also beide eine besondere Verbindung zu diesem Ort. In den frühen neunziger Jahren hat Gerhard Richter viele Fotos von den Bergen um Sils-Maria übermalt, die mittlerweile ja auch sehr bekannt sind, aber ich habe sie zum ersten Mal 1992 in Sils-Maria im Nietzsche-Haus ausgestellt. Als ich mit abstrusen Nietzsche-Titeln ankam, fragte er nur: "Wo findet die Ausstellung statt?" Und ich sage: "Sils-Maria", und er sagt "Zu lang!" Und ich: "Sils!" Das war die Titelfindung: Sils. Diese Methode habe ich 2006 auf ihn zurückgespielt: Als er die Cage-Bilder gemalt hatte, war ich bei ihm im Atelier. Er suchte nach einem Titel, und ich fragte: "Was für eine Musik hast du gehört beim Malen?" Und er sagte: "Cage". Und Cage ist ja nicht nur der Nachname von John Cage, sondern heißt auch Käfig auf Deutsch – das passt wunderbar zu den Bildern!

Sie werden in der Fondation Beyeler die Serien und Zyklen mit Einzelbildern konfrontieren – auf was für eine Wechselwirkung hoffen Sie?

Das Kontrapunktische ergibt sich bei Richter fast von selbst.  Als ich 1993 mit Kasper König "Der zerbrochene Spiegel" in der Kunsthalle Wien und in den Deichtorhallen Hamburg gezeigt habe, hatte Richter in einen abstrakten Zyklus ein Chicago-Bild gesetzt, also ein fotorealistisches Bild von der Stadt. Das war so kontrapunktisch wie in der Musik!

Das vollständige Interview lesen Sie im art-Sonderheft "Gerhard Richter", das es jetzt am Kiosk gibt.

Gerhard Richter

Fondation Beyeler, Basel / Riehen, 18. Mai bis 7. September

Zur Ausstellung ist der Katalog "Gerhard Richter. Bilder / Serien" in der Fondation Beyeler erschienen, der 62,50 Franken kostet
http://www.fondationbeyeler.ch/