Patrizia Sandretto Re Rebaudengo - Interview

Ich kaufe niemals Kunst um zu dekorieren

Während des Gallery Weekends eröffnete Patrizia Sandretto Re Rebaudengos ihre Ausstellung "Stanze/Rooms" im me Collectors Room in Berlin, die einen kleinen Ausschnitt ihrer Sammlung zeitgenössischer Kunst zeigt. art sprach mit der studierten Betriebswirtschaftlerin über Mäzenatentum, Feminismus und ihren Wunsch immer wieder tief in künstlerische Welten einzutauchen.

Sie ist eine der fabelhaftesten Erscheinungen unter den zeitgenössischen Großsammlern: die Turiner Sammlerin Patrizia Sandretto Re Rebaudengo. art-Autorin Birgit Sonna traf sie zum Interview:

Als Maskottchen Ihrer Sammlung haben Sie Maurizio Cattelans skurrile Miniaturinstallation mit einem ausgestopften Eichhörnchen auserkoren. Warum das?

Normalerweise sammelt man ja Künstler der eigenen Generation, auch bei mir verhielt es sich anfangs so. Als ich vor 22 Jahren zu sammeln begann, konzentrierte ich mich auf Künstler um die 30 und hatte zugleich ein besonderes Augenmerk auf die italienische zeitgenössische Szene. Catellan ist in meinem Alter, und ich habe schon sehr früh Arbeiten von ihm erworben. Seine Installation eines toten, scheinbar Selbstmord begangenen Eichhörnchens in einer Puppenküche von 1996 ist nach einem Song aus Walt Disneys Cinderella "Bidibidobidiboo" betitelt. Phantastisch ist auch, dass es sich um ein Unikat handelt – sonst haben Cattelans Skulpturen eine Dreier-Auflage. Ich finde, dass diese Arbeit sehr repräsentativ für sein Werk ist. Catellan ist eine ganz besondere Persönlichkeit, er kommuniziert wesentliche Dinge über das Leben, den Tod, überhaupt die Welt, und er macht das nicht auf gewöhnliche, sondern spielerische Weise. Ich kaufe niemals Kunst um mein Haus zu dekorieren, sondern die Sammlung soll auch von gesellschaftlichen Dinge erzählen.

Suchen Sie den intensiven persönlichen Austausch mit den Künstlern?

Ich muss die Künstler persönlich kennenlernen, weil es die Perspektive oft komplett verändert (lacht). Wobei es auch passieren kann, dass man den Urheber hinter der Kunst am Ende lieber nicht getroffen hätte. Dennoch ist es mir immer wichtig, mehr über den individuellen Hintergrund zu erfahren. Es reicht einfach nicht zu sagen: "Mir gefällt diese Arbeit!"

"Stanze/Rooms" – der Titel Ihrer Berliner Ausstellung hat ja eine gewisse Ambivalenz. Er verweist nicht nur auf Räume der Kunst, sondern die "Stanze" haben im Italienischen auch viel mit Poesie zu tun. Die ersten Nationaldichter wie Tasso oder Ariost verfassten ihre Epen in der Gedichtform der Stanzen.

Wir haben den Titel tatsächlich aufgrund der Poesie gewählt und weniger, weil die Ausstellung bei me Collectors Rooms stattfindet. "Stanze" bezieht sich auf die Dichtung, das Theater, die Musik. Und dann verbirgt sich hinter dem Konzept der "Stanze" auch ein Ort, wohin sich die Künstler zum Denken und Arbeiten zurückziehen. "Rooms" wiederum hat eine Menge von Bedeutungen, auf welche die Ausstellung direkt oder indirekt anspielt: Das einklappbare Minimal-Appartement von Andrea Zittel, die Küche als Auseinandersetzungsort eines Paars bei Sam Taylor-Wood, das Tonstudio von Robert Kusmirowski. Für mich ist es wichtig, die Sammlung immer wieder in neue Richtungen lesen zu können.

Wie wenige andere Sammler ermöglichen Sie Künstlern Neuproduktionen, unterstützen Sie dabei großzügig finanziell.

Wir produzieren Arbeiten auf ganz unterschiedliche Weise. So entstehen beispielsweise bestimmte neue Arbeiten, wenn wir Künstler für eine Ausstellung in unsere Fondazione nach Turin einladen. Oder es kommt ein Künstler auf uns zu und bittet uns um Unterstützung. Ich erinnere mich beispielsweise noch lebhaft, als Douglas Gordon und Philippe Parreno ein Filmporträt zum beginnenden 21. Jahrhundert machen wollten und dafür als Ikone den Fußballspieler Zinedine Zidane wählten. Nach längeren Gesprächen und Diskussionen mit den beiden sagte ich: "Was für ein wunderbares Projekt, wir beteiligen uns gerne an der Produktion!" Andererseits gibt es auch oft Anfragen anlässlich größerer Events wie etwa der Biennale in Venedig – die hier im me Collectors Room gezeigte Installation aus 144 Gemälden von Ragnar Kjartansson ist 2009 für den isländischen Pavillon in Venedig entstanden. Manchmal gebe ich auch Arbeiten für mein Haus in Auftrag, wenn ich mich nach einem künstlerischen Wechsel sehne. Andererseits produzieren wir aber auch Arbeiten, ohne dass wir sie im Anschluss kaufen würden. Wenn wir uns jedoch zum Kauf entscheiden, so geht dieser kommerzielle Teil immer in Absprache mit der Galerie einher – wir zahlen dann die Differenz (lacht) und bitten vielleicht um einen Nachlass.

Welche Verbindungen haben Sie zu den Berliner Galerien?

Viele meiner Galerien sitzen in Berlin, es gibt zahlreiche Links: Die Fotoarbeit von Sharon Lockhart etwa hier an der Wand habe ich bei Neugerriemschneider ähnlich früh erworben wie das Schlafzimmer von Dominique Gonzalez-Foerster bei Esther Schipper. Letztes Jahr kaufte ich etwas von Oscar Murillo bei Isabella Bortolozzi. Mittlerweile gibt es ja auch eine neue spannende Generation von Galeristen wie Xavier Peres – aktuell zeigt er David Ostrowski, einen jungen Künstler, den wir auch in Turin im September präsentieren werden. Und gegenwärtig haben wir eine kleinere Ausstellung mit Christian Rosa, der parallel auch gerade bei Contemporary Fine Arts zu sehen ist.

Warum entschieden Sie sich, ein italienisches Residency Programm für junge Kuratoren einzurichten.

Das alles begann vor acht Jahren, als wir mit dem Kurator Francesco Bonami diskutierten, wie man am besten die italienische Kunst der Gegenwart fördern könnte. Der gewöhnliche Weg ist, dass man Künstlern ein Stipendium gibt, sodass sie sich vielleicht ein halbes oder ganzes Jahr in Kunstmetropolen wie London oder New York aufhalten können. Wir wollten es aber etwas anders und besser machen. Und so bitten wir jetzt jedes Jahr die weltweit besten Kuratorenschulen, uns die Lebensläufe jener Absolventen zu schicken, die sie am vielversprechendsten halten. Dann setzt sich eine Jury zusammen, um all die jungen Kuratoren zu interviewen. Am Ende werden drei Kuratoren ausgewählt, die nach Turin kommen und von dort aus weiter nach Venedig, Mailand, Bologna, Rom, Neapel und Sizilien reisen. Sie besuchen unzählige Ateliers – vielleicht an die 200 – und führen auch Gespräche mit Museen und Galerien. Wenn sie dann wieder zurück in Turin sind, erarbeiten sie ganz eigenständig eine Ausstellung. Wichtig daran ist uns, dass diese jungen Kuratoren später wieder in die ganze Welt ausschwärmen und so eine weit verzweigte nachhaltige Verbindung zur Fondazione und den Künstlern geschaffen wird. Dieses Projekt war bislang so erfolgreich, dass wir später noch eine Schule für italienische Kuratoren etabliert haben, die "Campo" heißt.

Nicht von ungefähr sind die berühmtesten, spannendsten, ernsthaftesten Sammler in Italien weiblich, man denke nur an Miuccia Prada oder Nicola Trussardi.

Ich glaube, dass Frauen oft ohnehin eine besondere Kunstintention haben. 2004 haben wir in Turin das ganze Ausstellungsjahr nur Künstlerinnen gewidmet. In dieser Zeit begann ich, einiges besser zu verstehen. Erstens: Frauen werden eher von Frauen als von Männern gesammelt. Zweitens: Kunst von Frauen ist deutlich preiswerter als die von Männern – Rekordpreise werden immer nur von männlichen Künstlern erzielt. Drittens: Frauen sind meist näher an der Kunst, das war schon in der Vergangenheit so. Gerade hinter den wichtigsten Museen in den USA stand bei der Gründung immer eine Frau: Isabella Stuart Gardner in Boston, Gertrude Vanderbilt beim Whitney Museum; beim MoMA waren es gleich drei Ladies: Abby Rockefeller, Lillie Bliss, Mary Quinn Sullivan. Selbst wenn man an Salomon Guggenheim denkt, so lieferte mit Hilla Rebay eine Frau die kreativen Ressourcen des Guggenheim Museums.

Obwohl Sie viele Künstlerinnen in ihrer Sammlung haben, sind sie nicht sonderlich an "Gender"-Fragen interessiert.

Genau, ich bin keine Feministin. 1969 war ich zehn Jahre alt und insofern sind mir die damaligen Debatten eher fremd, auch wenn diese Generation von feministisch engagierten Frauen für die Kunst natürlich enorm wichtig war: Monika Sprüth beispielsweise als Galeristin und Künstlerinnen wie Rosemarie Trockel und Louise Lawler. Sie leisteten viel und führten eine fundamentale Veränderung herbei, wenn man bedenkt wie ungemein schwierig es zuvor Künstlerinnen wie etwa die 1918 geborene Carol Rama war. Für mich ist es heute allerdings interessanter, die damalige Perspektive mit meinem heutigen Standpunkt zu vergleichen, etwa anhand von Rosemarie Trockels bedeutenden "Strickbildern". Und dann vergebe ich jedes Jahr den Preis "StellaRe" an Frauen, bislang etwa an die Architektin Kazuyo Sejima des New Museum in New York und an die dortige Direktorin Lisa Phillips oder auch an nicht so strikt mit der Kunst verbundene Ladies wie die Chefredakteurin der italienischen Vogue, Franca Sozzani. Ich versuche so gut es geht ambitionierte Frauen zu unterstützen, ohne dabei aber eine feministische Haltung einzunehmen.

Erstaunlicherweise begannen sie zuerst Modeschmuck zu sammeln. Schöne Trophäen ihrer falschen Pretiosen aus den dreißiger Jahren bis heute sind jetzt in die Wunderkammer von Thomas Olbricht integriert.

Ja, noch vor der zeitgenössischen Kunst startete ich meine Sammlertätigkeit Ende der achtziger Jahre mit qualitativem Modeschmuck. Ich war nie fasziniert von echtem Schmuck. Und dann fand ich meinen ersten wunderschönen Modeschmuck: eine riesige bunte Brosche. Wie immer bei einem neuen Terrain, war ich sehr neugierig und wollte tiefer einsteigen. Und so begann ich viel über die historischen Hintergründe zu lesen: Modeschmuck war ja anfangs nicht nur für Frauen, die etwas anders aussehen wollten, sondern er wurde wegen der Weltwirtschaftskrise seriell hergestellt. Schließlich begann ich immer mehr Stücke zu kaufen, ich durchforstete den Markt in den USA, kaufte auch auf Flohmärkten.

Sie sind also eine Perfektionistin!

Es ist eine große Verantwortung, zumal meine Sammlung jetzt so publik geworden ist. Als die Idee zu einer Kollektion zeitgenössischer Kunst bei mir aufkam, sagte mein Vater: Mach das ruhig, aber mach es bitte gut! Genau diese Devise gebe ich nun auch an meine beiden Söhne weiter.

Stanze/Rooms aus der Sandretto Re Rebaudengo Collection

2. Mai bis 21. September 2014, me Collectors Room, Berlin
http://www.me-berlin.com/stanze_rooms/