Nature after Nature - Kassel

Der Zauber des Alltäglichen

Im Kasseler Fridericianum gehen Natur und Technologie derzeit irritierende und überraschend alltägliche Symbiosen ein. Natur wird hier nicht mehr als Objekt, sondern als reagierendes Subjekt begriffen.

Der Moment der Erkenntnis ist desillusionierend. Zunächst sieht man faszinierende Farben und Formen, aalglatte und wuschelige Oberflächen, poröse und massive Strukturen – alles steht miteinander in einer bezaubernden ästhetischen Wechselwirkung.

Die Arrangements des amerikanischen Künstlers Ajay Kurian wirken wie eine Symbiose aus Unterwasserwelt und Juwelier-Schaufenster. Alles ist apart in Szene gesetzt, doch schaut man genauer hin, entpuppt sich das Präsentierte als Trash. Was aussieht, wie Edelstein, ist polierter Müll: verglaste Schlacke aus städtischem Abfall. Daneben: Bauschaum, Bonito-Flocken, Geröll und so genannte Gobstopper, gigantische Bonbons, die aus diversen zuckrigen Farb-Schichten bestehen. Dazwischen: neongrüne Rentierflechte, die man unwillkürlich für künstlich hält.

Bei den Skulpturen von Olga Balema funktioniert es genau andersherum: Das Material, das die gebürtige Ukrainerin zusammen mit Wasser in transparente PVC-Folien eingeschweißt hat (alte, zerfetzte Plastikfolie, verbogene, rostende Stahlstangen), identifiziert man augenblicklich als jenen Unrat, den man weltweit an vermüllten Stränden und Seen findet. Doch je länger man ihn betrachtet, desto größer werden die Zweifel an den eigenen Beurteilungskriterien. Denn das, was sich hier vollzieht, ist von einer irritierenden Poesie: hauchzarte Spuren, die der Rost ins Wasser getupft hat, filigrane Brösel verfallender Werkstoffe, die sich auf liebliche Art verteilt haben, delikat anmutende Bläschenbildung. Schönheit ist ein Begriff, der im Zusammenhang mit ausrangierten, in die Natur verfrachteten Baustoffen nicht oft assoziiert wird. Doch was heißt schon Natur? Wer denkt beispielsweise bei Betonbauten daran, dass sie zu zwei Dritteln aus Strandsand bestehen?
Die Ausstellung „nature after nature“ im Fridericianum in Kassel präsentiert Werke, in denen Natur und Technologie irritierende, wenngleich durchaus alltägliche Symbiosen eingehen. Synthetisches verschmilzt mit Organischem, und das, was wir im Alltag pflichtschuldig als Ärgernis bezeichnen, erhält im Ausstellungskontext bisweilen einen merkwürdigen Zauber. Etwa, wenn wir in den schillernden Objekten von Marlie Mul ölverschmierte Teerpfützen erkennen (in Wahrheit handelt es sich um Kunstharz). Oder wenn wir die fantastischen Vogelnester bestaunen, die Björn Braun in Zusammenarbeit mit seinen zwei Zebrafinken erstellt hat. Das Material – darunter Plastikblumen und Papierfetzen – hat der Künstler besorgt, das Flechtwerk stammt von den Vögeln.

Der Begriff Natur, so die Leiterin des Fridericianums, Susanne Pfeffer, sei heute ganz anders definiert als zu Zeiten der Moderne, als man Kultur und Natur sorgfältig voneinander separieren wollte. Natur werde heute nicht mehr als Objekt begriffen, sondern als Subjekt: "Natur reagiert auf ihre eigene, manchmal überraschende Weise".

Nicht zuletzt, so zeigen es diverse ausgestellte Werke, sind es natürliche Ressourcen, die Hightech erst möglich machen. Bei den glitzernden Gesteinsbrocken, die der New Yorker Künstler Jason Loebs auf Pappkartons platziert hat, handelt es sich beispielsweise um jene Mineralien, die zur Herstellung von Computerchips dienen. Als grundlegendes Element der digitalen Welt verweisen sie auf die Veränderung ganzer Geografien durch Technologien, die sich vermeintlich durch Virtualität und Immaterialität auszeichnen. Der kupfern glitzernde Staub, der die Silicium-, Silber- oder Eisenerz-Brocken überzieht, ist übrigens eine Spezialtinte, die für US-Dollarnoten als Sicherheitsmerkmal verwendet wird. Wertschöpfungsmechanismen und die globale Ausbeutung von Ressourcen sind Themen, die der Schau eine pessimistische Färbung geben.

Selbst der Luftraum – darauf verweisen Arbeiten von Nina Canell und Marlie Mul – wird vom Menschen kontrolliert. Während Canell mit Kartuschen Düfte wie "New Car" und "Nostalgia" durch den Raum wabern lässt, zeigt Mul Belüftungsschächte, zwischen die massenhaft ausgedrückte Zigarettenkippen gequetscht wurden. Wissenschaftler hätten unlängst herausgefunden, dass Stadtvögel ihre Nester häufig mit zerrupften Zigarettenstummeln auspolsterten, erzählt Susanne Pfeffer. Das Nikotin halte Parasiten fern.

nature after nature

Termin: bis 27. Juni im Fridericianum, Kassel
http://fridericianum.org