Henri Matisse - London

Alter Mann in kleinem Garten

Als er ans Krankenbett gefesselt war, fügte Matisse seinem Schaffen einen späten Höhepunkt hinzu: auf das Wesentliche konzentrierte Scherenschnitte. Die Tate Modern präsentiert seine späten Kunstwerke nun in einer Ausstellung.

Eine an die Atelierwand gepinnte Gruppe von ausgeschnittenen farbigen Papierformen bezeichnete Henri Matisse (1869 bis 1954) in einem 1952 veröffentlichten Interview als seinen "kleinen Garten".

Da er aus gesundheitlichen Gründen oft im Bett liegen müsse, habe er sich "einen kleinen Garten geschaffen, in dem ich umhergehen kann", fuhr er fort. "Es gibt Blätter, Früchte, einen Vogel."
Nach einer schweren Darmoperation im Jahr 1941 begann sich der große Neuerer der Kunst des 20. Jahrhunderts immer intensiver mit dem Papierschnitt zu beschäftigen. Das feinmotorische Malen wurde ihm zunehmend beschwerlicher, schließlich musste er es ganz aufgeben. Nach 1947 war der Scherenschnitt sein alleiniges künstlerisches Ausdrucksmittel. Assistenten beschichteten große Papierbögen nach seinen Anweisungen mit Gouachefarben. Wenn die Farbe trocken war, schnitt er mit der Schere Stücke in unterschiedlichen Formen und Größen aus, die dann zu Kompositionen zusammengestellt und an der Atelierwand mit Reißzwecken befestigt wurden. Später wurden die fertigen Collagen von der Wand genommen und auf Papier aufgezogen.

Die Technik, so sagte Matisse 1951, "erlaubt es mir, Farbe direkt einzusetzen. Es ist für mich eine Vereinfachung. Statt einen Umriss zu zeichnen und diesen mit Farbe zu füllen, zeichne ich direkt in Farbe." In weniger als einem Jahrzehnt, bis zu seinem Tod, entstanden so mehr als 200 solcher "gouaches découpées". Zunächst hatte er sie auf einer hölzernen Tafel komponiert, die klein genug war, um sie auf dem Schoß zu halten. Doch mit der Zeit wurde er immer ehrgeiziger, was die Größe anging, und einige späte Arbeiten haben riesige Formate. Die Schnecke (1953) etwa misst fast drei mal drei Meter und ist eines der beliebtesten Kunstwerke in der Sammlung der Tate.

Einer der Höhepunkte der Schau ist allerdings kein Papierschnitt, sondern das Glasfenster "Nuit de Noël", das das amerikanische Magazin "life" im Januar 1952 bei Matisse in Auftrag gegeben hatte. Wie schon bei der Arbeit an den Fenstern für die Chapelle du Rosaire in Vence zwischen 1948 und 1951 fertigte er auch hier als Vorstudien Scherenschnitte an sowie eine Maquette, nach der Glaskünstler Paul Bony das mehr als drei Meter hohe Fenster anfertigte. Es wurde zu Weihnachten 1952 in New York der Öffentlichkeit vorgestellt, befindet sich heute im Besitz des Museum of Modern Art und wird in der Tate Modern gemeinsam mit der Maquette zu sehen sein.

Henri Matisse: The Cut-Outs

Bis 7. September, Tate Modern, London
http://www.tate.org.uk/visit/tate-modern