Paul Chan - Basel

Das Licht führt in die Finsternis

In Basel präsentiert das Schaulager das Werk von Paul Chan in all seinen Facetten. Ausstellungsbesucher sollten Zeit mitbringen: Der Werkkomplex "Volumes" umfasst 1005 bunt bemalte Buchdeckel, die erkundet werden wollen.

Farbiges Licht füllt den Raum, ein helleres Rechteck auf dem Boden sieht aus wie die Silhouette eines Fensters. Darin schweben Gegenstände nach oben: Handy, i-Pod, Koffer und Brille haben sich von der Schwerkraft befreit.

Nach einer Weile dreht sich die Richtung um, und die Silhouetten von Menschen fallen nach unten. Man denkt an Bilder von Astronauten, aber auch der Menschen, die nach der islamistischen Attacke von 9/11 aus den brennenden Türmen des World Trade Center in New York sprangen. Das Meditativ-Religiöse verbindet sich mit Gewalt und Tod. Extremistischer Terror überlagert sich mit den Befreiungsträumen der Moderne.

"Seven Lights" nennt Paul Chan diese Serie von Projektionen, die 2007 erstmals in der Londoner Serpentine Gallery zu sehen waren. Auf die Überblendung von Religion, Politik und Moderne ist er erstmals in Bagdad gestoßen. Er war 2002 mit einer Gruppe von Aktivisten, die sich "Voices in the Wilderness" nannten, trotz US-Embargo in den Irak gereist, um der Bevölkerung Medikamente und Nahrungsmittel zu bringen. Dort musste er feststellen, dass die Menschen nur zu ernsthaften Gesprächen bereit waren, wenn er sich als Christ bekannte. Religiosität verbürgte ihnen Wahrhaftigkeit. Chan hat diese Reise in mehreren Arbeiten dokumentiert. Viel weitreichender wurde für ihn aber die Erfahrung, wie sehr Religion den politischen Alltag auch im 21. Jahrhundert
noch bestimmt. Gerade auch in den USA. Viele Arbeiten sind diesem Thema gewidmet.

Die Sensibilität für Kontraste und Spannungen, Widersprüchliches und Ungleichzeitigkeiten verdanken sich auch einer ungewöhnlichen Biografie. Paul Chan wurde 1973 in Hongkong geboren. Dort waren die Bewohner Doppelbürger und wuchsen mit zwei Sprachen auf. Als er acht Jahre alt
war, zogen die Eltern nach Nebraska, und er musste sich wieder neu orientieren. Sein britisches Englisch verstand im Herzland der USA fast niemand. Heute wechselt Chan mühelos zwischen den Rollen des Aktivisten, Künstlers, Verlegers und Autors und benutzt die Zeichnung ebenso selbstverständlich wie die 3-D-Animation.

Nach Auftritten bei der Venedig-Biennale 2009 und der documenta 13 vor zwei Jahren stellt das Schaulager in Basel das Werk in all seinen Facetten vor. In Chans erster umfassender Einzelausstellung sind frühe Videoinstallationen ebenso zu sehen wie selten gezeigte Arbeiten auf Papier, Skulpturen und eine Auswahl der "Seven Lights". Der Werkkomplex der Volumes umfasst 1005 bemalte Buchdeckel und wird erstmals vollständig präsentiert.

Paul Chan: Selected Works

Termin: bis 19. Oktober 2014 im Schaulager Basel/Münchenstein
http://schaulager.org/de/index.php?pfad=schaulager

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