Lichtwark revisited - Hamburg

Schiffschaukel und Wasserstand

Die Ausstellung "Lichtwark revisited" folgt ganz einer Umerziehung im Geist der Moderne. In der Hamburger Kunsthalle werden alte und neue Künstler präsentiert, die in ihren Werken die Hansestadt genauer in den Fokus nehmen.

Zum 100. Todestag Alfred Lichtwarks (1852 bis 1914) leistet sich die Hamburger Kunsthalle eine Rückschau auf die Verdienste ihres ersten Direktors, der mit seiner weitsichtigen Sammeltätigkeit zum Wegbereiter der Moderne in Hamburg wurde.

Lichtwark hatte erkannt, dass man das fortschrittliche Image einer Stadt am besten dadurch prägt, dass man angesagte Künstler anlockt, die das Leben und die Geistesgrößen auf ihren Bildern verewigen. Gleichzeitig wollte er mit vertrauten Motiven die Hamburger Pfeffersäcke für die Moderne gewinnen. Das ging zunächst mal ziemlich schief. Das bei Max Liebermann 1891 in Auftrag gegebene Porträt des Bürgermeisters Carl Friedrich Petersen fanden die Stadtväter so unschmeichelhaft, dass es nicht ausgestellt werden durfte. Trotzdem hielt der Museumsmann an seiner Idee fest – zum Glück! Dank Lichtwarks Initiative besitzt die Kunsthalle heute wunderbare Bilder von Pierre Bonnard und Edouard Vuillard, auf denen die Alster so magisch leuchtet wie die Seine bei Nacht, und auch ein kraftvolles Porträt des Zoodirektors Carl Hagenbeck von Lovis Corinth, in dem ein Walross der eigentliche Star ist.

Für die Ausstellung wurden aber nicht nur die Highlights von Lichtwarks Sammelleidenschaft zusammengetragen. Die Kuratorinnen Petra Roettig, Ute Haug und Merle Radtke wollten Lichtwarks Idee einer "Sammlung von Bildern für Hamburg" für die Gegenwart fortschreiben. Dafür haben sie sechs auswärtige Künstler beauftragt, Arbeiten für und über die Hansestadt zu entwickeln. Die Ergebnisse sind höchst unterschiedlich und nicht immer frei von den klassischen Hamburg-Klischees: Schiffe, Rotlicht, Reeperbahn. Der Berliner Künstler Julius von Bismarck hat aus einem alten Ruderboot eine Schiffschaukel gebaut, die an Rummelplatzvergnügen und Flüchtlingsdramen erinnern soll, vor allem aber einen installativen Bruch zu Lichtwarks gediegender Bildergalerie darstellt. Tobias Zielony wiederum hat für seine Videoinstallation einen Flüchtling aus dem Sudan interviewt, der von seiner dramatischen Überfahrt von Afrika nach Europa erzählt. Dazu flackern auf an die Wand gelehnten Flachbildschirmen Fotos vom Hafen, Lichtreklamen und Kieztristesse. Jorinde Voigt analysiert, angeregt von Lichtwarks pädagogischem Text "Übungen in der Betrachtung von Kunstwerken", in zehn Zeichnungen verschiedene Werke aus der Sammlung. Und die Performance-Künstlerin Adrian Williams erfindet Geschichten zu beiläufigen Hamburg-Schnappschüssen, die sie wie gerahmte Tagebucheinträge präsentiert.

Einen überraschenderen Zugang zur Hafenstadt Hamburg hat Jill Baroff gefunden. Die New Yorker Künstlerin beschäftigt sich in ihren Zeichnungen mit Zeit-Raum-Phänomenen, in diesem Fall den wechselnden Wasserständen der Elbe. Für ihre "Tide Drawings Hamburg" hat sie Pegelstände, die sie via Internet abgerufen hat, in feine Kreisdiagramme übertragen, mal regelmäßig ab- und zunehmend, mal ausufernd – dank Orkantief Xaver, mal zitterig überlappend, wenn sie das zarte japanische Gambi-Papier mit Wasser und Cutter verformt. Gezeiten-Konzeptkunst vom Feinsten.

Einen Insider-Blick auf Hamburg, genauer gesagt auf die moderne Hamburger Baugeschichte, wagt dagegen Michaela Melián. Die Münchner Multi-Media-Künstlerin, die als Professorin an der HfBK lehrt, hat eine Zweitwohnung in den Grindelhochhäusern, einem denkmalgeschützten Bauensemble im einstigen jüdischen Viertel Hamburgs, das in den fünfziger Jahren zum Inbegriff des modernen Bauens wurde. Melián, die sich gern von historischen Fakten inspirieren lässt, hat die Geschichte der Grindelhäuser recherchiert, Architekturpläne studiert, aus ihrem Fenster fotografiert. Diese Eindrücke mixt sie zu einer minimalistischen Diaschau, projeziert im Panoramazelt, wo die gezeichneten Grindelvisionen zwangsläufig auch die Körper der Betrachter streifen. Der Titel der Arbeit lautet "Reeducation", eine Anspielung auf den politischen Umerziehungswillen der Alliierten, die den Deutschen nach dem Krieg auch durch fortschrittliche Baumaßnahmen den Nationalsozialismus austreiben wollten. Man könnte Meliáns Installation aber auch als Vorboten für die Zukunft der Kunsthalle sehen. Die verabschiedet sich nämlich mit der Lichtwark-Schau in eine zweijährige Bauphase mit eingeschränktem Ausstellungsbetrieb. Dann werden die alten Sammlungsräume renoviert, alte Eingänge neu geöffnet und Platz geschaffen für eine neue Ära der modernen Umerziehung. Back to the Future, sozusagen.

Lichtwark revisited. Künstler sehen Hamburg

bis 7. September, Hamburger Kunsthalle, Galerie der Gegenwart
http://hamburger-kunsthalle.de/index.php/lichtwark-heute/articles/lichtwark-revisited.html

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