Pierre Huyghe - Köln

Aus der Kontrolle geraten

Schauspieler im Rausch und Brancusi im Aquarium – der Franzose Pierre Huyghe sucht die produktive Verwirrung. Eine Retrospektive widmet sich der verrückten Abenteuerwelt des Künstlers

Regen- und Schneemaschinen aus der Trickkiste des Kinos sorgen für museale Aprilwetterstimmung, in einem Kühlraum besteht das Werk "Everything Will Melt" schlicht aus einem langsam schmelzenden Eishaufen, für "Zoodram 5" bewohnt ein Einsiedlerkrebs in seinem Aquarium die Kopie der Brancusi-Skulptur "Die schlafende Muse".

Die "Untitled" genannte Skulptur einer weiblichen Liegenden trägt anstelle des Kopfes die umsummten Waben eines Bienenstocks, und zwischen Filmprojektionen und Aquarien mit allerlei Weichtieren aus den Tiefen der Ozeane tänzelt das zierliche spanische Windspiel "Human" durchs Museum, eine Hündin mit pinkfarbenem Vorderlauf, die schon auf der letzten documenta für Aufsehen sorgte. Bei Pierre Huyghe (Jahrgang 1962) wird das Museum zur Bühne.

Nach Paris macht die Retrospektive des Franzosen nun in Köln halt, ein Feuerwerk der Ideen mit über 50 höchst komplexen und doch unterhaltsamen Arbeiten. Nicht um fertige Werke geht es Huyghe, sondern um von ihm in Gang gesetzte Prozesse, oft mit ungewissem Ausgang. Kunst ist für ihn nicht Spiegel einer geordneten Wirklichkeit, sondern eine manchmal absichtlich aus der Kontrolle geratene Versuchsanordnung. Deshalb der häufige Rückgriff auf Tiere, deren Verhalten nur bedingt vorhersehbar ist, aber auch auf andere Interpreten wie Synchronsprecher aus dem Kino, Marionetten, die wie Menschen am Draht hängen, Schauspieler im Rausch.

In seinem Langfilm "The Host and the Cloud" endet ein innerhalb geschlossener Türen vor geladenem Publikum inszeniertes Theaterstück mit Motiven berühmter historischer Prozesse, darunter der Bokassa-Protokolle und der Baader-Meinhof-Verhandlungen, in einer sexuellen Orgie. Huyghes Ausstellungen führen den Besucher mit vielen Überraschungen in eine künstlerische Abenteuerwelt, in ein Reich des Zwielichts zwischen Fiktion und Wirklichkeit.

Pierre Huyghe: Retrospektive

Köln, Ludwig Museum, bis 13. Juli
http://www.museum-ludwig.de/