1984 - 1999 - Metz

Ära der Melancholie

Das Centre Pompidou Metz zeigt Kunst der neunziger Jahre.

So nah und doch so fern… Wer erinnert sich noch an die Kunst der neunziger Jahre, an die melancholische Ratlosigkeit einer Generation der Suchenden?

Nach der postmodernen Explosion von Formaten, Farben, Formen und Preisen der frühen achtziger Jahre, zeitgleich mit Börsenkollaps und Aids-Desaster, Zusammenbruch des Eisernen Vorhangs und dem angeblichen Ende aller Ideologien, bauten in der alltäglichen Wirklichkeit eines abgespeckten Kunstbetriebs junge Künstler – und Galeristen – verzweifelt Netzwerke auf. Man schrieb das letzte Jahrzehnt nicht nur des Jahrhunderts, sondern des Jahrtausends. In den Museen herrschte Katerstimmung, an den Akademien studierte man Richtung Krise. Die Jugend war auf Selbsthilfe angewiesen, Globalisierung ein Fremdwort, Berlin noch nicht Berlin, New York längst nicht mehr New York. In Los Angeles oder London brodelte es bereits kreativ und aggressiv, aber das wusste damals kaum jemand.

Ein paar Jahre vorher schien die Freiheit noch grenzenlos, die Kunst erlöst vom Joch des Konzepts; die rohe Energie junger gegenständlicher Malerei von Transavanguardia bis Mühlheimer Freiheit hatte auch ältere Künstlergenerationen mitgezogen. Markante Schlüsselwerke, aber auch kurzlebige Netzhautkitzler waren in Serie entstanden, der kommerzielle Erfolg ergoss sich dank neureicher Yuppies selbst auf Anfänger. Das wurde in den frühen neunziger Jahren ganz anders: Auf die Krise des Kunstmarkts reagierten die Absolventen der Kunstakademien mit kleineren Formaten und nüchternen Materialien, Werken, die neokonzeptuell auf alles Spektakuläre verzichteten, sich zwar an Werbung, Massenmedien und Design anlehnten, trotzdem aber philosophisch oder philantropisch daherkamen. Dienstleister auf der Suche nach Gemeinschaft.

Vor allem aber waren die Werke der jungen Künstler billig zu produzieren – Zeichnung statt Malerei, Found Footage statt Schauspielern und Inszenierung, Fotos an die Wand geheftet statt teuer gerahmt. Geld war knapp im Kunstbetrieb – das kam der Kreativität zugute. Viele große Privatsammlungen von Francois Pinault über Christian Boros bis Harald Falckenberg wurden vor Mitte der Neunziger angelegt, als die Preise noch im Keller waren. Es sollte nicht lange dauern.

Zum ersten Mal versucht im Centre Pompidou Metz eine Gruppenausstellung, den Blick zurück auf die noch nahen neunziger Jahre, auf eine Zeit vor Cathérine Davids bahnbrechender Documenta oder der ersten Venedig-Biennale von Harald Szeemann, als der Kunstmarkt unter anderem dank der Young British Artists, digitalen Videoinstallationen und Malerei aus Leipzig bis Peking wieder Fahrt aufnahm. Zusätzlich zur Originalität ihres Themas spielt die von der Französin Stéphanie Moisdon kuratierte Schau zwei weitere Trumpfkarten aus: Sie verzichtet fast völlig auf große Gesten und spektakuläre Einzelwerke, setzt stattdessen selbst bei heutigen Superstars wie Fischli/Weiss, Mike Kelly, Richard Prince, Wolfgang Tillmans oder Rosemarie Trockel auf intimere, unspektakuläre Arbeiten. Vor allem aber ist die Ausstellungsarchitektur gestaltet von einer Künstlerin, die die tastenden Experimente der neunziger Jahre selbst miterlebt hatte: Dominique Gonzalez-Foerster, Jahrgang 1965, heute eine der wichtigsten Vertreterinnen einer biografisch gefärbten Konzeptkunst, die nüchternes Denken mit Gefühl und Stimmung zu koppeln versteht.

Unvergesslich ihre Installation auf der ersten Berlin-Biennale 1998, wie sie nur mit kargem Schlafzimmermobiliar der siebziger Jahre und einem kleinen Foto von Rainer Werner Fassbinder eine Dekade deutscher Geschichte wiederauferstehen ließ. So geht die in Paris und Rio de Janeiro wohnende Künstlerin auch in Metz vor: Sie schafft einen melancholischen Innenraum, der nur von Kunstwerken bewohnt ist. Ganz ohne Außenwelt, von künstlichem Licht lebend, gegliedert durch Zwischenwände, die immer wieder Blickachsen und Perspektiven freischalten und so an die internationalen Netzwerke der Künstler, nicht des Kunstbetriebs, erinnern. Begrenzt wird dieser Erinnerungsraum, zugleich zeitgenössisch und nostalgisch, durch zwei riesige Fotografien, welche die Fenster des Ausstellungsraums abdunkeln und so die gegenwärtige Wirklichkeit ausknipsen: Auf der einen Seite das künstliche Lichtermeer des nächtlichen Molochs Los Angeles, auf der anderen ein dunkler Märchenwald, Natur als Hort des Geheimnisses und der verdrängten Gewalt.

Passend zu diesen visuellen Polen ist die Kunst, die in ihrem Schatten ausgestellt wird: vor Los Angeles, Stadt der Zukunft und des Chaos, großformatiger Post-Pop von John Baldessari, ein "Garden Girl" des Anfang der neunziger Jahre noch nicht durch Megagalerien global verkommerzialisierten Paul McCarthy, aber auch drei zukunftsweisende Architekturmodelle von Rem Koolhaas, Jean Nouvel und Herzog/De Meuron. Dazu die wunderbare, Robert Gober nachempfundene Friedhofsinstallation "Gober Partially Buried Sinks" der Amerikanerin Sturtevant knapp vor Ende des Jahrzehnts – selbst Zukunft ist schon Vergangenheit, der Tod steckt in jeder Gegenwart, unübersehbar.

Kuratorin und Architektin der Ausstellung sind Franzosen, auch die Perspektive der Erinnerung, die gesammelten Bücher, Objekte und Kunstmagazine jener Zeit, wie "Purple" oder "Point d’Ironie", all das ist vornehmlich französisch. Das mag auf den ersten Blick den nicht-französischen Besucher verwundern, wird aber verständlich, wenn man bedenkt, wie wichtig der Einfluss des damaligen in Paris lebenden Nachwuchses, etwa Pierre Huyghe, Philippe Parreno oder eben Dominique Gonzalez-Foerster, nicht nur auf die französische, sondern die internationale heutige Kunst war und ist. Wie bahnbrechend ihre Art war, Einflüsse aus Kino, Literatur, Philosophie, aber auch Mode und Werbung aufzusaugen und in ihrem Werk Prozess und Erzählung, Konzept und Emotion zu vermischen. All diese Einflüsse kommen auch in der Ausstellung wie beiläufig vor: mit einem kleinen Kino, einer Leseecke, mit Mode, Design und Videos von Bless bis Vanessa Beecroft.

Der Wald, Endpunkt der Ausstellung und zweite Großfotografie, verbirgt Tod, Gewalt, Verbrechen: Philippe Parrenos Installation "No More reality (Twin Peaks)" von 1991 ist eine Hommage an David Lynch und seine die Klischees des Kinos kurzschließenden Psycho-Perversionen, welche die heutige Mode der Fernsehserien, aber auch den beliebten Spuk des Unheimlichen, vorwegnehmen sollten. Daneben ein kleines Kinderrad von Carsten Höller mit einer Benzinbombe auf dem Gepäckträger: "Killing Children". Höller war einer der wichtigsten Netzwerker jener Jahre, auf seinem mit Selbstauslöser geschossenen Gruppenbild hockt eine europäische Künstler-Generation, welcher der romantische Heroismus der Kunststars der achtiger Jahre fern lag. Sie betrauerten lieber ihre Aids-Toten, wie Felix Gonzalez Torres, den im Rückblick vielleicht wichtigsten Künstler dieser Zeit. An künftige Generationen mochten sie nicht denken, ihre Dekade war eine Zeit melancholischer Selbstfindung; erst zum Ende des Jahrtausends sollte die Kunst wieder mit spektakulären Einzelwerken aufdrehen – um wenig später dem Kommerz gründlich in die Falle zu gehen.

1984 – 1999 La Décennie

Centre Pompidou Metz, vom 24. Mai bis 2. März 2015

Ab Mitte Juli sind die neunziger Jahre auch Thema beim Fernsehsender Arte: Unter dem Motto "Summer of the 90s" taucht man ein in das "Jahrzehnt ohne Schlaf"
http://www.centrepompidou-metz.fr/de/1984-1999-das-jahrzehnt

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